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Lenos Verlag
Hans Saner
Die Anarchie der Stille
Der Autor
Hans Saner, geboren 1934 in Grosshöchstetten. Studium der Phi-
losophie, Psychologie und Germanistik in Lausanne und Basel.
Dort von 1962 bis 1969 persönlicher Assistent von Karl Jaspers.
Historische Arbeiten über Kant, Spinoza, Jaspers und Hannah
Arendt sowie systematische Essays zu anthropologischen, kultur-
kritischen und politischen Themen haben ihn in einer weiten Öf-
fentlichkeit bekannt gemacht. Lebt in Basel.
Im Lenos Verlag publizierte Hans Saner zahlreiche Bücher, zuletzt
Erinnern und Vergessen. Essays zur Geschichte des Denkens (2004).
Sonderausgabe 2014
Copyright © 1990 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 455 0
Die Anarchie der Stille
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Pasolini
Eine Schwäche Pasolinis: die Opposition aus Prinzip:
Opposition in der Dichtung selbst gegen Unga-
retti –; im Film – gegen Fellini und Visconti –; in der
Politik gegen die Studenten, die KPI, die Faschi-
sten, die Democrazia Cristiana –; in der Weltanschau-
ung – gegen die Kirche, die Universität. Das ist auch
eine Art der Abstraktheit, als ob man nur kämpfen
nnte gegen etwas. Oft hat man den Eindruck: gegen
alles, was nicht Pasolini oder nicht r Pasolini ist.
Und sobald jemand ihn direkt angreift: ein Beleidigt-
sein, eine Wehleidigkeit und Empfindlichkeit, die in
keinem Verltnis steht zu der Art, wie er zuschlägt.
Er war der einzige, der gegen Pasolini etwas sagen
durfte und das wirkte dann jeweils, als Selbstkri-
tik, besonders ehrlich, war aber nur die potenzierte
Eitelkeit.
Vielleicht zeigt all dies, wie einsam er war: ein Don
Quijote ohne Sancho Pansa, der gegen alles anlief.
Es war übrigens kein primärer Hass auf alles an-
dere es war das Erleiden der Andersartigkeit, was
ihn unweigerlich in ein Getto trieb, wie souverän er
diese Andersartigkeit auch auf sich nehmen mochte.
Seine Homosexualität war das Stigma, aufgrund des-
sen er überall als ein Stigmatisierter reagierte und
schliesslich auch überall für einen Stigmatisierten ge-
halten wurde.
Die Selbst-Stigmatisierung entsprang realen Er-
lebnissen. Die Stigmatisierung durch die anderen
war oft nur ein bequemer Weg, ihm das Gewicht des
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Ernstes abzusprechen. Sie entschärfte für andere, aber
verschärfte ihm selber bis zur Totalität die Anders-
artigkeit seiner Existenz. Er wurde schliesslich ge-
rade dort am wenigsten ernst genommen, wo er am
meisten litt – oder: sein Leiden wurde zum Vorwand,
um ihn beiseite zu schieben. Sein Tod war die letzte
Konsequenz davon. Wer immer ihn aus welchen Mo-
tiven getötet haben mag: der Mord war durch die
Gesellschaft vorbereitet, aber diese Vorbereitung war
in die Wege geleitet worden durch die Selbst-Stigma-
tisierung. Insofern war der Mord auch ein delegierter
Selbstmord. Im Ermordetwerden den Beweis dafür
zu liefern, dass man ein Wahrheitszeuge war uner-
träglich für die Gesellschaft –, das war die heim liche
Sehnsucht hinter der Delegation. Dass »bloss« ein
Strichjunge ihn umgebracht haben soll, spricht nicht
gegen das Gelingen der Inszenierung.
Der Junge hat die Wahrheit über die Stigmati-
sierung der eigenen Existenz nicht ertragen, die ihm
Pasolini aufgedeckt hat, und er musste sie in einem
Gewaltakt von unerhörter Brutalität loswerden, wo-
mit er sie vollends in sich aufnahm. Pasolini hat ver-
mutlich im Sterben gelächelt.
Religion als Verzweiflung
Ist Religion etwas anderes als sublimierte Verzweif-
lung? Kann sie zum Beispiel der Dankbarkeit des
Menschen für das Leben entsprungen sein? oder dem
offenen Staunen über das »Wunder der Wunder«: dass
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überhaupt etwas ist und dass wir dieses wahrnehmen
können?
Eine Religion des Staunens rde ganz auf dem
Erlebnis des Wunderbaren beruhen. Wunderbar aber
wäre das Seiende in seiner Vielfalt: das Wie des Seien-
den, dessen Transzendenz das Wunderbare des Wun-
derbaren wäre: dass etwas ist. Eine derartige Religion
müsste ganz konkret sein. Das Staunen angesichts des
Hier und Jetzt wäre ihr Gebet. Derart konkret aber
rde auch eine Religion der Dankbarkeit. Ihr Wun-
der wäre: ich bin, und ihr Gebet wäre die Liebe zum
Leben und zur Welt.
Beide Religionen münden in das Mysterium der
reinen Präsenz, die identisch ist mit der Ewigkeit.
Sie vertrösten nie auf das Kommende. Sie leben nicht
aus der Hoffnung. Alle Prophetie ist ihnen fern.
Auch sind sie keine verkappten Sozialrevolutionen,
die in die Symbolik zurückgenommen worden sind,
sondern: intensives Dasein, Staunen, Liebe. Was soll
in ihnen der Gott? Er hat keine Funktion; denn es
braucht keinen Erlöser ausser der Intensität. Die reine
Präsenz ist die Erlösung.
Warum hat es das nie gegeben? Widerspricht es
zu sehr den Grunderfahrungen, die wir im Gehäuse
der conditio humana machen? Wird also der Traum
zerstört durch die Gefahren der Natur, das Wissen
von der Sterblichkeit, die erlebte allzumenschliche
Unverträglichkeit, den erlittenen Mangel, das Unge-
gen an sich selbst? Oder ist uns diese Religiosität
ausgetrieben worden, weil sie so unklerikal ist, das
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Mysterium der Gemeinschaft in stillen abgedunkel-
ten Räumen nicht kennt, die Sehnsucht nicht an ein
Jenseits verschwendet und in keiner Weise den Ge-
horsam trainiert?
Dass der Mensch bisher seine Idee der Unendlich-
keit aus der erlebten Negation gegenbildlich entwarf,
hat ihn der Liebe zur Welt beraubt, deren er doch fä-
hig wäre.
Einsamkeit
Die Einsamkeit kennt nur elliptische Sätze.
Dürrenmatt
Friedrich Dürrenmatt: ein kosmischer Emmentaler.
Nekrophilie
Wie qualvoll müsste der Mensch erst sterben, wenn
es nicht so etwas wie Nekrophilie in ihm gäbe, eine
Todessehnsucht und eine Lust an allen Abschieden!
Weil jeder Abschied befreit, gehören die Erwartungen
der Seligkeit zu den Todeserwartungen. Und weil es
in der Nekrophilie so etwas wie einen Vorgenuss des
Todes zu geben scheint, meinen wir gelegentlich ei-
nen Hauch jener Seligkeit zu spüren: ein eigenartiges
Glück jenseits der Sinnlichkeit des Glücks. Dennoch
ist die Nekrophilie das Unglück der Menschheit.
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Öffentlichkeit und Intimität
Eine personal adressierte Philosophie wird freier
durch Öffentlichkeit. Aber was, wenn der Adressat
die Öffentlichkeit selber ist? Vielleicht wird man
dann freier, wenn man zu einer oder mit einer Person
spricht. Diese merkrdige Paradoxie: Meinst du den
Nächsten, so wähle die Öffentlichkeit; meinst du die
Öffentlichkeit, so wähle den Nächsten beide Male
wirst du gerechter und freier.
Autorität als Hürde der Selbständigkeit
Hätte ein Denker nur die Wahl, Anerkennung oder Ab-
lehnung zu provozieren (das heisst, gäbe es keine skepti-
schen und keine ironischen Verfremdungsstrategien), so
müsste er sich vorerst Anerkennung verschaffen, dann
aber seine ganze Energie darauf konzentrieren, Zweifel
und Ablehnung zu erwecken. Denn die Ablehnung ist
der stärkere Anstoss zur Freiheit des Denkens und er
ist um so stärker, je anerkannter das nun Abgelehnte
einmal war. Die Autorität ist die Hürde der Selbstän-
digkeit. Sie gewinnt ihre Unschuld allein dadurch, dass
sie den Sprung in die Trennung provoziert. Ein Lehrer,
der seine Schüler nicht gegen sich aufbringt, ist ein
schlechter Lehrer – oder er hat schlechte Schüler.
Kritik der universitären Philosophie
Die Kritik der universitären Philosophie müsste mit
der Kritik der epistemischen Autorität beginnen.

Hans Saner
Die Anarchie der Stille


Softcover
ISBN 978-3-85787-455-0
Seiten 191
Erschienen November 2014
€ 15.00 / Fr. 19.50

Das Buch bricht aus der herkömmlichen philosophischen Schriftstellerei radikal aus. Es bindet sich weder an eine Einheit des Themas noch der Methode, noch des Stils. Es vertritt keine Lehre und propagiert keinen Sinn. Die Kurztexte aus zwei Jahrzehnten stehen – auch nicht chronologisch geordnet – zufällig nebeneinander und sind in keiner Weise aufeinander abgestimmt. Es ist deshalb unwichtig, in welcher Reihenfolge sie gelesen werden. Schreiben wird verstanden als ein Experiment, auf das der Leser in seiner Weise eingeht, und Philosophie als experimentelles Denken, dessen stärkste Qualitäten die Freiheit von allen Strickmustern und die Widerrufbarkeit sind.

Dennoch sind diese »Texte ohne Botschaft« ganz konkret, ob sie nun von der Philosophie, der Religion, den Künsten und Wissenschaften oder von den alltäglichen Dingen und der Politik handeln. Sie urteilen meist scharf und unversöhnlich, so etwa gegen Popper, Adorno, Pasolini, Heidegger, Reich-Ranicki u.a., und sie wagen sich in scheinbar absurde Konsequenzen vor. Die Vielfalt der aufgegriffenen Themen macht das Buch reich, die Relevanz der Gegenstände gehaltvoll, die Kürze der Texte unterhaltsam und die Prägnanz des Denkens und der Sprache immer wieder überraschend.

Pressestimmen

Die Schrift ist ein Kompendium von Klein- und Kleinsttexten verschiedenster thematischer Orientierungen und sorgt für lustvolles Denkvergnügen.
— Corina Caduff, Bündner Tagblatt
Das Büchlein passt wunderbar in jede Hosentasche. Vielleicht sollte man sich also, gerade zur Weihnachtszeit, ein wenig der stillen Anarchie dieser Gedanken hingeben, die sich manchmal auch widerständig festsetzen im Kopf.
— Rolf App, St. Galler Tagblatt