LENOS
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Lenos Verlag
Mahi Binebine
Der Hofnarr
Roman aus Marokko
Aus dem Französischen übersetzt
und mit einem Nachwort versehen
von Regina Keil-Sagawe
Die Übersetzerin
Regina Keil-Sagawe, geboren 1957 in Bochum, arbeitete nach ihrem
Studium der Romanistik und der Germanistik als Universitätsdozen-
tin und Kulturjournalistin. Seit rund dreissig Jahren übersetzt sie
maghrebinische Belletristik, u.a. von Kaouther Adimi, Boualem San-
sal, Yasmina Khadra, Azouz Begag, Leïla Marouane, Albert Memmi,
Driss Chraïbi, Cécile Oumhani und Youssouf Amine Elalamy; Lyrik
u.a. von Habib Tengour und Mohammed Dib. Als Mitglied der Welt-
lesebühne e.V. organisiert und moderiert Regina Keil-Sagawe Überset-
zungslesungen und leitet Workshops zu literarischen Übersetzungen.
Sie lebt in Heidelberg.
Die Übersetzung aus dem Französischen wurde vom SüdKulturFonds
in Zusammenarbeit mit Litprom e.V. Literaturen der Welt unter-
stützt.
Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Struk-
turbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Titel der französischen Originalausgabe:
Le fou du roi
Copyright © 2017 by Editions Stock
Erste Auflage 2018
Copyright © der deutschen Übersetzung
2018 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Neeser & Müller, Basel
Umschlagabbildungen: uwimages / HiSunnySky, stock.adobe.com
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 484 0
Für Papa
Arme Pappnase! Nichts als ewi-
ger, unheilbarer Schmerz in des
Narren Heiterkeit! Welch tristes
Metier das Lachen doch ist!
Victor Hugo
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Alles schien ganz normal zu sein, aber nichts war
es wirklich. Im weiten Palastinnenhof hüllte eine
mondlose, von einem Schweif bleicher Sterne erhellte
Nacht zwei Silhouetten ein. Sidi bewegte sich lang
-
samen Schrittes durch die mit Laternen bestandenen,
von Zwergpalmen, Orangen- und Mandelbäumen ge
-
säumten Alleen. Ich ging dicht hinter ihm wie stets,
den cken leicht gebeugt, einen Hauch untertänig,
wie es sich gehört, wenn man den König begleitet.
Ein Duft von Jasmin schwebte in der feuchten Luft
des Juliabends. Sidi hielt sich mit beiden Händen sei
-
nen schmerzenden Leib und stöhnte von Zeit zu Zeit
dumpf auf. Er hatte Mühe, sich aufrecht zu halten,
gnadenlos setzte ihm das unsichtbare Ungetüm zu,
das in seinem Inneren wütete. Es schmerzte mich,
ihn so leiden zu sehen, aber ich tete mich, es zu
zeigen. Ich versuchte nach Kräften, witzig zu sein,
denn schliesslich ist es mein Beruf, meinen Herrn und
Meister zum Lachen zu bringen. Doch Sidi stand der
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Sinn nach nichts. Er rte mir zerstreut zu, während
sich sein Gesicht unversehens zu einem Geflecht von
Falten zusammenzog.
Alles schien ganz normal zu sein, aber nichts ist
normal, wenn der Löwe auf die Knie gezwungen
wird, wenn seine Pranken nur noch stumpfe Holzs
-
cke sind, vor denen niemand mehr erbebt, das erster-
bende Feuer seines Blicks eher Mitleid als Schrecken
einflösst; ein kraftloser Blick, nach innen gekehrt, ins
Dunkel eines zersrten, gebrochenen Körpers, wo aus
dem Gebrüll von einst das zaghafte Echo eines Lebens
wurde, das von beiden Enden her brannte, von Exzes
-
sen jeglicher Art erfüllt: bitterer Reue und uneinge-
standenen Niederlagen, schallenden Halbsiegen und
tönenden Freuden, tiefstem Leid, Entsagung und Ge
-
wissensbissen; eines wildbewegten Lebens, auf dessen
gewundenen, dornigen Pfaden einvernehmlich Engel
und monen wandeln und wo das grausige Gesetz
des Sensenmanns herrscht.
Alles schien ganz normal zu sein, aber tief in der
Brust spürte ich einen Kloss. Bekümmert flehte ich
früh und spät zu Gott, er ge meinen Gebieter von
seinem Leid ersen und es mir aufbürden, wenn es
denn sein müsse, es keinen anderen Ausweg gebe. Ich
war bereit, seinen physischen Schmerz auf mich zu
nehmen, die Krämpfe, die in seinen Eingeweiden tob
-
ten, die spitzen Gabeln, die ihm die Seiten durchsta-
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chen. War ich nicht fünfunddreissig Jahre lang sein
ergebener Diener gewesen, sein Spassmacher mit der
nie versiegenden Phantasie und sein offiziell bestallter
Theologe, wenngleich er selber den Titel »Befehlshaber
der Gläubigen« trug. Sein literarischer Ratgeber war
ich gewesen, seine unbestrittene Autorität in der fa
-
belhaften Welt der Poesie, Zeuge einer Epoche, da die
Araber sich im dichterischen Wettstreit mit Vierzei
-
lern bekriegten, die Grammatiker monatelang über
Fragen der Vokalisierung, der Deklinationsform oder
einen unbedeutenden Akzent stritten, da mathemati
-
sche oder astrologische Formeln den Platz der Religion
einnahmen jener gesegneten Epoche, die niemals
existiert zu haben scheint.
Alles schien ganz normal zu sein, aber nichts war
normal für meine Wenigkeit, Muhammad bin Mu
-
hammad, den fauligen Abschaum und Bodensatz der
Stadt Marrakesch, den nichts dazu vorherbestimmt
hatte, Seite an Seite mit den Auserwählten zu leben,
der ich den tiefsten Verliesen und Kellergeschossen des
Menschseins entflohen war und mich an diesem Juli
-
abend nun hier, hinter meinem sterbenden Gebieter,
befand und in meinem Herzen das furchtbare Verdikt
des Leibarztes bewegte: »Zwei oder drei Tage höchs
-
tens, und wir sind alle Waisenkinder!«
Sidis Aufmerksamkeit wurde von einem unge
-
wöhnlichen Lichtschein angezogen, der aus dem Saal
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der Geschenke drang: einer immensen Lagerhalle, in
der sich Tausende nie ausgepackter Geschenke türm
-
ten, die Seiner Erhabenen Majestät von Fest zu Fest
dargebracht worden waren.
»Komm«, sprach der König zu mir, »lass uns mal
nachsehen, was da los ist!«
»Es ist schon spät, Sidi. Wir sollten zurückkehren,
die Nacht ist ein wenig frisch.«
»Nicht bevor wir den Kerl gestellt haben, der mich
schon zu Lebzeiten ausplündert«, knurrte er und setzte
seinen Weg fort.
»Vermutlich wird da drinnen nur geputzt, Sidi.«
»Um diese Zeit?«
Ich verstummte. Der nig schien entschlossen,
der Sache auf den Grund zu gehen.
Wenn man abends im Palast umhergeht, ist das
Gefühl, allein zu sein, ein trügerisches. Dutzende
von Augenpaaren beobachten einen, spionieren einem
nach, verfolgen jede deiner Gesten und Bewegungen.
Das wusste ich, weil ich mehrere Jahrzehnte zwischen
diesen Mauern mit den die Sinne verwirrenden Mosai
-
ken verbracht hatte, inmitten dieser Gärten, in denen
Springbrunnen prangten, die an jeder Wegkreuzung
denselben Refrain murmelten. Einerseits erschien es
mir unglaublich, dass ein Waghalsiger sich erdreisten
nnte, im Herzen des Hofes einen Diebstahl zu be
-
gehen. Auf der anderen Seite war es keinem verborgen
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geblieben, dass der dahinsiechende nig nur noch
der Schatten seiner selbst war, und von daher fühlte
mancher sich schon jetzt so frei, die schlimmsten Ver
-
rücktheiten zu unternehmen.
Mit Müh und Not erreichten wir den Nordflügel
des Palastes, erklommen einige Stufen, bogen in einen
langen, überlbten Korridor ein, der dem Personal
vorbehalten war, und erblickten die Tür zur hle
Ali Babas, die angelehnt war. Sidi stiess sie sachte auf,
schob seinen Kopf durch den Türschlitz hindurch und
verharrte einen Moment lang reglos. Dann trat er ge
-
räuschlos ein. Ich ihm nach. Das Schauspiel, das sich
uns bot, war zumindest ergötzlich, einige Wochen zu
-
vor indes noch ganz undenkbar: Ein alter Sklave hatte
den Saum seiner Dschellaba zusammengerafft und
stopfte in dieses improvisierte Bündel, so viel er nur
konnte an kostbaren Kästchen, Schmuckschatullen
und Gegenständen jeder Art. Er musste wohl schwer
-
rig sein, um unsere Anwesenheit so gar nicht zu
bemerken. Als Sidi sich vernehmlich räusperte, drehte
der Mann sich um, zuckte gerig zusammen und
wäre, als er sich unverhofft dem König gegenübersah,
fast in Ohnmacht gefallen. Wie er so vor uns stand,
erstarrt und zugleich bebend, schien er etwas sagen zu
wollen, aber kein Ton drang aus seinem Mund. Das
Ebenholz seines Teints hatte sich ins Violette verfärbt,
dessen Glanz, von den Schweissperlen auf seiner Stirn

Mahi Binebine
Der Hofnarr

Roman aus Marokko

Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Regina Keil-Sagawe


E-Book
ISBN 978-3-85787-965-4
Seiten ca. 200
Erschienen 8. Mai 2018
€ 17.99

Inspiriert vom Leben seines Vaters am marokkanischen Königshof blickt Binebine mit Witz und Ernst hinter die Kulissen dieses doppelbödigen Regimes.

Aus einfachsten Verhältnissen stammend, steigt Muhammad dank seines einzigartigen Gedächtnisses in die höchsten Sphären der Macht auf: Er ist Geschichtenerzähler, Lyriker, Spassmacher und geistreicher Gefährte des marokkanischen Königs – ein Hofnarr des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine schillernden Episoden aus dem Palast zeigen eine luxuriöse, vom Alltag der Bevölkerung entrückte Welt, wo der bewunderte und gefürchtete Monarch launisch und unberechenbar regiert. Seine Höflinge sind Tag und Nacht um sein Wohl und seine Gunst bemüht, doch auch Intrigen und Verrat keimen angesichts seines nahen Todes.

Inspiriert vom Leben seines Vaters am Hof Hassans II., gelingt es Mahi Binebine, die Doppelbödigkeit dieses jahrhundertealten Regimes aufzuzeigen, ohne moralisch zu urteilen. Auch dieser Roman sprüht vor Fabulierlust und jener genussvollen Verknüpfung von Humor und Tragik, die sein Schreiben auszeichnen.

Pressestimmen

Wer diesen Roman liest, begreift die Schule, durch die der Schriftsteller Binebine gegangen ist: Früh hat er verstanden, dass Menschen nie nur gut oder böse sind; dass man von ihnen nur in Zwischentönen, nie schwarz-weiss erzählen kann. Ohne Vergebung kein Friede, heisst es programmatisch gegen Ende des Romans. Der Hofnarr schillert insofern in vielen Farben.
— Claudia Kramatschek, Deutschlandfunk Kultur
Der Hofnarr ist ein tragikomischer Roman, der tiefe Einblicke gibt in das Leben der Günstlinge von Hassan II. (…) Das Buch ist äusserst unterhaltsam und täuscht doch nicht darüber hinweg, wie furchtbar das Leben unter der Willkürherrschaft des Regenten war.
— Sigrid Brinkmann, Bayerischer Rundfunk
Ein Familiendrama von Shakespearischen Dimensionen.
— Hartmut Buchholz, Badische Zeitung
Komplotte, Verrat, Intrigen aus dem Innersten des marokkanischen Königspalasts, orientalische Farben und Gerüche …
— Ouest-France
Wie es jemand über sich bringt, gewissermassen einer Sekte beizutreten, einen Pakt mit dem Teufel zu schliessen und sich dem jahrelangen Müssiggängertum hinzugeben, während das Volk unter der brutalen Knute des Königs zu leiden hat, davon erzählt Binebine in einer luziden Sprache, die raffiniert mit der Märchenform spielt.
— Volker Kaminski, Qantara

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