LENOS
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Lenos Verlag
Manuela Di Franco
Der Himmel ist grün
Roman einer Reise
Erste Auflage 2017
Copyright © 2017 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Neeser & Müller, Basel
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 476 5
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Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Verlags-
förderungs-Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Inhalt
Prolog 9
Der Moment 11
Die verwundete Stadt 13
Ein fast vergessenes Land 47
Der Müdür von Amasra 83
Das lange Warten 93
Ein Fleck in der Wüste 111
Das Zimmer Nummer 8 139
Auf der anderen Seite 173
Ein Mysterium 187
In der heiligen Stadt 211
Tag dreizehn 239
Stromausfall im Paradies 251
Das Herz des Dschungels 263
Auf der Durchreise 283
Zurück im grünen Tal 303
Selig und trunken 369
Die letzte Etappe 399
Epilog 417
Über dieses Buch 419
Glossar 423
Literatur 428
Gewiss doch, alle Wege sind offen,
und führen nirgends hin, nirgends hin.
Annemarie Schwarzenbach, »Alle Wege sind offen«
And everything was made for you and me
All of it was made for you and me
cause it just belongs to you and me
So let’s take a ride and see what’s mine
Iggy Pop, »The Passenger«
I keep my eyes wide open all the time.
Johnny Cash, »I Walk the Line«
9
Prolog
Ich habe nicht gedacht, dass es geschehen rde. Und dann
ging es so schnell, dass ich es nicht sofort bemerkte. Eine
Nacht und ein Tag waren vergangen, seit es Chalil gab in
meiner Welt. Chalil mit den Tigeraugen. Mundwinkel-
küsse, Augenschliessen – da muss es geschehen sein.
Eine Nacht im Mai, die Luft war leicht. Die Zeichen
standen auf Anfang, und alles schien möglich.
»Ich möchte einmal nach Indien reisen«, sagte Chalil.
»Auf dem Landweg. Über den Balkan. Dann Istanbul, das
Tor zu Asien, und von dort aus immer weiter ostwärts.«
»Das wäre grossartig«, sagte ich. »Wir würden stets dem
Morgen entgegenreisen, dem Sonnenaufgang, dem neuen
Tag.«
Ich hörte dieses »Wir« und erschrak. Doch Chalil schien
es nicht zu irritieren. Ich sah ihn von der Seite an und dachte:
Morgen früh schon würde ich mit dir in den Zug einsteigen
und losfahren. Da erst merkte ich, dass die Welt nicht mehr
dieselbe war wie eine Nacht und einen Tag zuvor.
Neustart. Das Leben beginnt von vorn. Was war, ist nie
geschehen. Was nicht hätte sein sollen, ist r immer ver-
gessen. Es war einmal, und vorher war nichts. So fangen
Märchen an. Doch dies ist eine wahre Geschichte. Und
darum gibt es noch einen anderen Anfang. Einen Anfang
vor diesem Anfang. Eine Geschichte, die begonnen hatte,
aber noch nicht zu Ende war. Das wusste ich. Und den-
noch.
10
Es wurde wieder Tag, und als es Abend wurde, verlor ich
meinen Ring. Ich vergass ihn, nur einen Moment, doch ei-
nen Moment zu lange, und mein Talisman, mein Begleiter
durch eine Zeit, die nun vorüber war, verschwand.
In der dritten Nacht der neuen Zeit träumte ich, dass
ich den Ring wiederfinden würde. In Indien. Er lag in einer
unscheinbaren Vitrine und wartete auf mich.
»Das ist nicht irgendein Ring«, sagte der Silberschmied.
Er sprach Hindi, doch ich verstand ihn problemlos. »Dieser
Ring gehört an eine schreibende Hand.«
»Ich schreibe«, sagte ich.
Er sah mich zweifelnd an.
»Ehrlich«, versicherte ich, »einen Roman.« Das war ge-
logen. Ich schrieb – aber was es war, wusste ich selbst nicht.
Doch ich brauchte diesen Ring. In der Not ist es erlaubt zu
lügen, hörte ich im Traum meine Mutter sagen, und so sah
ich dem Silberschmied fest in die Augen.
»Na gut«, sagte er, »du kannst ihn ja mal anprobieren.«
Der Ring passte an den Mittelfinger meiner rechten
Hand, als wäre er dafür gemacht worden. In diesem Mo-
ment erwachte ich. Neben mir schlug Chalil die Augen auf
und sah mich an mit seinem Tigerblick.
Der Traum war das Zeichen, auf das ich seit langem ge-
wartet hatte. Nun wusste ich, dass ich auf eine weite Reise
gehen würde. Ich rde alles hinter mir lassen, unterwegs
sein und schreiben. Ich musste mich nur noch auf den Weg
machen. Mit Chalil.
11
Der Moment
Mit einem leichten Ruck setzte sich der Zug in Bewegung.
Wir sahen uns an, während wir aus dem Bahnhof rollten.
Die Lichter der kleinen Stadt glitten an uns vorüber, dump-
fen Flecken gleich, die mit dem bleiernen Februarhimmel
verschwammen. Der Wagen war fast leer. Niemand sprach.
Auch wir schwiegen. In wortlosem Einverständnis reichten
wir eine Flasche Wein hin und her, unser einziger Proviant
r die lange Reise.
Auf Chalils schönen Lippen lag ein Lächeln. Verschwun-
den die Anspannung der letzten Wochen, als hätte es sie
nie gegeben. Vergessen die Hektik, die Abschiedsszenen
und der unweigerliche Blechschaden am Mietauto, als wir
die vielen Dinge, die man unterwegs nicht braucht, endlich
losgeworden waren. Sie warteten eingelagert in einer Ga-
rage – auf ein Leben danach, das jetzt noch nicht existierte.
Jedenfalls für mich nicht.
Eine kurze Stunde verging, dann stiegen wir in den
Nachtzug um. Gleichmässig wiegte uns die Bahn von
Schwelle zu Schwelle, dem Meer entgegen. Flüsternd, im
Halbdunkel liegend, leerten wir die Flasche. Irgendwann
in der Nacht fiel sie um und rollte über den genoppten
Gummi boden des Schlafabteils zwischen uns hin und her.
Ich schaute hinaus, ohne etwas zu sehen. Mit der Ge-
schwindigkeit des fahrenden Zuges bewegte ich mich fort
von dem Ort, der jahrelang mein Zuhause gewesen war. Ich
hatte keinen Briefkasten mehr, und keine Telefonleitung
verband mich mit dem Rest der Welt. Es gab keine Ter-
mine einzuhalten und keine Aufgaben zu erfüllen. Das Stu-
12
dium war abgeschlossen, die Wohnung abgegeben, der Job
gekündigt. Nichts hielt mich zurück. Am liebsten wäre mir
gewesen, es hätte auch diese Garage nicht gegeben, die wir
vor Ablauf des Jahres würden räumen müssen. Doch daran
wollte ich in diesem Moment so wenig denken wie an alles
andere, was hinter mir oder in weiter Ferne lag.
Jetzt gab es nur noch Chalil und mich und unseren Weg.
Keine festgelegte Route, nur ein ungehrer Verlauf, des-
sen Ende sich im Nichts verlor. Süden, Osten: Die Richtung
stimmt, dachte ich. Wir sind unterwegs.
13
Die verwundete Stadt
Schauerlich kreischend kam der Zug zum Stehen. Mit der
letzten Handvoll Passagiere verliessen auch Chalil und ich
den warmen Wagen und traten hinaus in die frühe Nacht.
Wir hatten kaum unsere Füsse in die Schneedecke gesenkt,
die frisch ausgebreitet auf dem Bahnsteig glimmte, als sich
ein hagerer Mann auf uns stürzte und uns begrüsste wie
alte Bekannte.
»Welcam tu Sarajevo!«, rief er mit weit ausgebreiteten
Armen und einem Strahlen, als habe er unser Erscheinen
seit Tagen herbeigesehnt. Dann stellte er sich atemlos vor.
»Maj neem Momo, aj turist specijalist. Aj hostel, hotel, praj-
vat rum, aj evritting! Aj ingliš. Dojtš. Fransee. Rusija. Aj
profesional!« Er zog ein laminiertes Stück Papier aus der
Innentasche seiner grauen Jacke und hielt es zuerst Chalil,
dann mir unter die Nase.
»Akreditacija turisticˇki agent«, buchstabierte ich. Unter
der glänzenden Oberfläche klebte Momos Passfoto, darun-
ter stand sein Name. Was sollte man dazu sagen?
Doch Momo schien keinen Kommentar zu erwarten.
Während er uns zur Unterführung lotste, redete er weiter
ohne Punkt und Komma auf uns ein. Wir hasteten durch
einen düsteren Gang und erreichten schliesslich die Ein-
gangshalle. Sie liess einen Moment lang die Erinnerung
an den Bahnhof der kleinen Stadt aufflackern, wo wir zehn
Tage zuvor losgefahren waren dann standen wir schon
draussen.
Schnee bedeckte den Platz, der sich vor uns in allen
Richtungen verlor, und noch mehr Schnee schwebte aus der

Manuela Di Franco
Der Himmel ist grün

Roman einer Reise

E-Book
ISBN 978-3-85787-954-8
Seiten ca. 429
Erschienen 21. Juni 2017
€ 18.99

Das poetische Zeugnis einer abenteuerlichen Weltreise und einer Begegnung zwischen Osten und Westen.

Abenteuerliche Bus- und Bahnfahrten führen Mo und ihren Freund Khalil durch den Balkan, den Iran, Pakistan und Indien bis nach Nepal. Ganz nach der Devise, dass »überall, wo Menschen leben, auch ein Reisender leben kann« (Ella Maillart), suchen sie stets die Begegnung mit den Einheimischen. Die einjährige Reise ist zugleich Mos Versuch, eine Liebe hinter sich zu lassen und unterwegs eine neue Heimat zu finden.

Der Himmel ist grün ist nicht nur das literarische Zeugnis einer mutigen, heute kaum mehr möglichen Reise, sondern auch eine Reflexion über unsere Wahrnehmung des Fremden und des Vertrauten, eine Begegnung zwischen Osten und Westen und eine hoffnungsvolle Geschichte von Freundschaften über alle kulturellen Unterschiede hinweg.

Pressestimmen

Der Himmel ist grün ist Erinnerung daran, was Reisen sein soll und doch selten ist.
— Alexander Kluy, Der Standard
Ein schöner Reisebericht in der Nachfolge von Ella Maillart und Nicolas Bouvier.
— Wolfgang Bortlik, 20Minuten
Di Francos Reiseroman ist reich an Dialogen und Reflexionen, voller Poesie und erweitert den Horizont.
— Buchjournal
Gemeinsam mit den Protagonisten erfährt der Leser den fliessenden Übergang von West zu Ost, die Unterschiede fremder Kulturen, aber auch die Ähnlichkeit der Menschen unterwegs.
— Orell Füssli Lesen
Für jeden Reisefreudigen mit besonderem Genuss zu lesen.
— ekz.bibliotheksservice