LENOS
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LENOS POCKET 161
www.lenos.ch
Dante Andrea Franzetti
Der Grossvater
Roman
Mit einem Nachwort
von Stefan Gmünder
Lenos Verlag
Erstmals erschienen 1985. Für diese Neuedition wurde der Text vom Autor
durchgesehen und an wenigen Stellen leicht verändert. Das Eszett wurde – dem
schweizerischen Gebrauch entsprechend – durch ss ersetzt.
LENOS POCKET 161
Erste Auflage 2013
Copyright © 2013 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagbild: Innocente Salvini
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 761 2
Für L. B.
»Man sollte gewiss mehr Fleiss darauf wenden, das Wis-
senswürdige seiner Zeit treulich aufzuzeichnen, und es als
ein andächtiges Vermächtnis den künftigen Menschen zu
hinterlassen. Es gibt tausend entferntere Dinge, denen Sorg-
falt und Mühe gewidmet wird, und gerade um das Nächste
und Wichtigste, um die Schicksale unseres eigenen Lebens,
unserer Angehörigen, unsers Geschlechts, deren leise Plan-
mässigkeit wir in den Gedanken einer Vorsehung aufgefasst
haben, bekümmern wir uns so wenig, und lassen sorglos
alle Spuren in unserm Gedächtnisse verwischen.
Wie Heiligtümer wird eine weisere Nachkommenschaft
jede Nachricht, die von den Begebenheiten der Vergangen-
heit handelt, aufsuchen, und selbst das Leben eines einzel-
nen unbedeutenden Mannes wird ihr nicht gleichgültig
sein, da gewiss sich das grosse Leben seiner Zeitgenossen-
schaft darin mehr oder weniger spiegelt.«
Novalis, Heinrich von Ofterdingen
Ma adunare i fatti caratteristici di unepoca della società e
svolgerli in unazione, approfittare della storia senza preten-
dere di farle concorrenza, di fare ciò che essa fa meglio: que-
sto mi pare il campo che può tuttora concedersi alla poesia,
quello anzi che a lei sola è dato di percorrere.
Alessandro Manzoni, Lettera al Fauriel del 29 gennaio 1821
I
Erinnerungen, Bruchscke
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Das Haus
Nirgends, aber auch nirgends war er zu finden, nicht unter
den Zeitungen, nicht unter den frisch gewaschenen Frottier-
tüchern auf der Kommode, und an der Wand, wo ich ihn
doch einmal gesehen hatte, schon gar nicht. Ja, zuerst ver-
schwinden wir von der Erdoberfläche, und dann verschwin-
den auch die wenigen Spuren, die wir hinterlassen haben. So
perfekt und reibungslos wie unsere Moderne vernichtet keine
Kultur die Spuren eigener und fremder Vergangenheit.
Er war also nirgends zu finden, für den Augenblick we-
nigstens, aber allein schon durch die Suche wurden Erinne-
rungen wach: Der Grossvater lag erst einige Monate unter
der Erde, als auch die Grossmutter starb. Mit ihrem Tod
begannen die Diskussionen um das Haus.
Neben dem alten Haus meiner Grosseltern stand und
steht noch heute eine Fabrik: utensileria, die Werkzeug-
schlosserei Limolis. Damals wusste ich allerdings noch
nicht, was dort eigentlich hergestellt wird. Nicht einmal
den seltsamen Namen verstand ich. Mir prägte sich das ein-
fachere Wort utile ein.
Der Besitzer dieser Fabrik, ein gewisser Herr Falcetta,
wollte das alte Haus meiner Grosseltern samt Scheune,
Hühnerstall und Hühnern für die Summe von 28 Millio-
nen Lire kaufen. Das war schon damals kein Betrag. Aber
als Kind kann man sich solche Zahlen kaum vorstellen,
höchstens im Vergleich. Man könne damit, sagte man mir,
etwa sieben Autos kaufen. Ich weiss nicht mehr, wie ich
darauf reagiert habe. Erstaunt wahrscheinlich und gar nicht
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entsetzt, wie es mir heute lieb wäre. Man hätte sich ja die
sieben Autos kaufen können, ohne das alte Haus zu ver-
kaufen. Es war schliesslich auch mein Haus, und ich wollte
es nicht weggeben. Meine Schwester war gleicher Meinung.
Aber das schien niemanden zu beeindrucken.
Da wurde herumgerechnet, für wie lange, wann und
wieviel, zu welchen Bedingungen und Voraussetzungen;
Hypothesen wurden aufgestellt und wieder verworfen, bis
endlich, nachdem alle Beteiligten die solche Berechnungen
immer begleitenden Zänkereien, gegenseitigen Anschuldi-
gungen und Unterstellungen satt hatten, bis endlich das
Ergebnis feststand.
Es war zu meinen Gunsten, wie ich feststellte. Der In-
dustrielle bekam das Haus nicht. Zugleich war ich um eine
wichtige Erfahrung reicher: Mir wurde zum ersten Mal
wirklich bewusst, dass man den Wert einer Sache offen-
bar berechnen kann. Meine Schwester und ich, wir waren im
Vorschulalter. Wir konnten noch nicht rechnen. Wir hatten
nichts zu sagen.
Wir durften zuschauen. Bäumerammende Bulldozer ka-
men eines Tages angefahren, eine Stahlkugel wurde an den
Kran montiert, Zementsäcke und Ziegel türmten sich neben
der Scheune auf, die Arbeiter begannen mit ihrer Arbeit.
Seltsamerweise versuchte ich mich dabei auch noch tzlich
zu machen. Die Arbeiter mussten über mich lachen, weil
ich sie, ohne es zu merken, parodierte. Aber eigentlich lach-
ten sie ja über sich selbst.
Meine Schwester nannte mich Arbeiter. Ich war stolz. We-
nigstens jemand, der mich ernst nahm. Wir spielten in je-
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ner Bauzeit immer wieder Feierabend: Ich kam abends müde
nach Hause, shnte und wischte mir mit dem Taschentuch
den Schweiss von der Stirn. Luisa nahm mich lächelnd in
Empfang. Auf dem Tisch dampfte die Minestrone. Zuerst
musste ich mir natürlich die Hände waschen. Unterdessen
klopfte Luisa meine staubige Jacke auf dem Balkon aus.
Dann wurde gegessen. Nachher setzte ich mich in den Fau-
teuil vor den Fernseher und zündete mir eine Zigarette an.
Luisa spülte die Teller und setzte den Kaffee auf. Dann setzte
sie sich zu mir. Wir tranken Kaffee und waren glücklich.
Eines Tages waren keine Arbeiter und Maschinen mehr
da. Jetzt erst konnte man wirklich sehen, wieviel sich ver-
ändert hatte. Das alte Haus meiner Grosseltern war nun sa-
frangelb. Die Scheune war verschwunden. Ebenso der Hüh-
nerstall, die Hühner, die Reben, die Himbeerstauden. Ich
weiss noch, wie dieser Anblick auf mich gewirkt hat. Zuerst
war ich erstaunt, dann enttäuscht. Ich war betrogen wor-
den: die Bauarbeiten hatten mich abgelenkt. Nichts rde
mehr so sein, wie es immer gewesen war. Jetzt erst wurde
mir wirklich bewusst, dass meine Grosseltern tot waren.
Später, viel später, verstand ich, dass der Eingriff rück-
sichtsvoller gewesen war, als ich es als Kind empfunden
hatte. cksichtsvoller als in unzähligen anderen Fällen an
unzähligen anderen Orten, wo nichts, gar nichts mehr an
ein Früher erinnert.
Bis er, und mit ihm die Grossmutter, doch noch zum Vor-
schein kam, der Grossvater. Ziemlich unverhofft, unter den
Prospekten einer Warenhauskette.
15
Die Fotografie
Da war sie also, die Fotografie meines Grossvaters, die ich
vergeblich unter den Zeitungen und Frottiertüchern auf der
Kommode gesucht hatte. Ich nahm sie aus dem grünen Rah-
men, entfernte den verschmutzten Plastiküberzug. Hinter
der Fotografie fand ich eine mit eingestanzten Spinnweben
verzierte Karte, auf der rechts oben, kaum mehr leserlich,
»Marina« geschrieben stand. Weder auf dieser Karte noch
auf der Rückseite des Fotos war eine Jahreszahl. Als ich mit
dem Zeigefinger über die Oberfläche der Fotografie fuhr,
stellte ich fest, dass sie von einer feinen Fettschicht überzo-
gen war. Der grüne Rahmen war billig und hässlich.
Grossvater und Grossmutter sitzen bei sonnigem Wetter
auf der Treppe. Grossmutter schaut weg, Grossvater hin-
gegen lächelt der Kamera ins Visier. Sofort llt mir die
Verwandtschaft zu einem Bildchen auf, das ihn in Uniform
zeigt und auf dem er den Betrachter ganz ähnlich zuver-
sichtlich lächelnd anblickt. Wollte man nach den Fotos ur-
teilen, schien r den Grossvater die Welt immer in Ord-
nung. Doch die Tatsache, dass er bei unserer Abreise wenn
die Ferienzeit vorüber war und wir wieder in den Norden
mussten immer weinte, bewies das Gegenteil. Die Welt
war für ihn wohl nicht unbedingt in Ordnung, er schien
aber dennoch zufrieden.
Mehr noch als sein zuversichtliches Gesicht bedeuten mir
die Hände des Grossvaters auf dieser Fotografie. Klobige,
starke Hände voller Schwielen, trotz aller harten Arbeit
nicht grob, sondern weich und zärtlich. Auf der Fotografie

Dante Andrea Franzetti
Der Grossvater

Roman

Mit einem Nachwort von Stefan Gmünder


E-Book
ISBN 978-3-85787-533-5
Seiten ca. 124
Erschienen 1. Oktober 2013
€ 9.49

Ausgaben
E-Book (2013)

Von der Suche nach den familiären Wurzeln in einer anderen Kultur handelt dieser Roman. Aus Bruchstücken und Episoden, an die sich der Enkel erinnert, entsteht das Bild des Grossvaters, des Sohns armer Bauern und Pächter, der es in Limoli zum ersten Maurer bringt und der doch, genau wie vor ihm sein Vater, in lebenslänglicher Abhängigkeit von der Familie Falcetta bleibt. Denn den Falcetta gehört das Land und die einzige Fabrik, ihnen gehört das Dorf. Wer ihnen entkommen will, wandert aus. Der Grossvater versucht sich eine Zeitlang in der kalten Fremde, geht als Saisonarbeiter nach Zürich, das für ihn immer Zurigo heissen wird. Seine Enkel leben später in dem fremden Land und sind nur in den Ferien im Haus des Grossvaters zu Besuch. Die Geschichten, die er ihnen erzählt, die Bilder, die sich damit einprägen, werden ihnen zur Heimat.

In seinem vielbeachteten Erstling verarbeitet Dante Andrea Franzetti interkulturelle Erfahrungen seiner Generation.

Pressestimmen

Ein Debüt, das ungeteilte Zustimmung verdient. Franzettis deutsche Prosa ist makellos; einfach und schön.
— Süddeutsche Zeitung
Franzetti besitzt die einfachste, nötigste Qualität eines guten Erzählers: man hört ihm gern zu.
— Frankfurter Allgemeine Zeitung