LENOS
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LP 250
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Ghassan Kanafani
Der Blinde und der Taube
Roman
Aus dem Arabischen
von Joël László
Lenos Verlag
Der Autor
Ghassan Kanafani wurde 1936 in Akka geboren. 1948 wurde seine Familie
durch die Besetzung der Israelis vertrieben. Als Flüchtling lebte Kanafani
zunächst im Libanon, später während längerer Zeit in Damaskus, wo er
seine Schulbildung abschloss und einige Zeit als Lehrer arbeitete. 1956
ging er als Sport- und Zeichenlehrer nach Kuwait. 1960 zog er nach Beirut,
wo er in der Folgezeit bei mehreren Zeitungen arbeitete und schließlich
Sprecher von George Habaschs Volksfront für die Befreiung Palästinas war.
1972 wurde er in Beirut durch eine Bombe getötet, die an seinem Wagen
angebracht war.
Der Übersetzer
Joël László, geboren 1982 in Zürich. Studium der Nahostwissenschaften
und der Geschichte. Längere Aufenthalte in Kairo sowie wissenschaftliche
Publikationen zu neuerer türkischer und ägyptischer Geschichte. Neben
seiner Tätigkeit an der Universitätsbibliothek Basel arbeitet er als Autor und
Übersetzer. Für den Lenos Verlag übertrug er Werke von Ibtisam Azem und
Asmaa al-Atawna ins Deutsche. Seine eaterstücke und Hörspiele wurden
mehrfach ausgezeichnet. Er lebt in Basel.
Der Übersetzer dankt der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für die
Unterstützung.
Titel der arabischen Originalausgabe:
al-Amâ wa al-Atrasch
Copyright © by Anni Kanafani,
The Ghassan Kanafani Cultural Foundation, Beirut
LP 250
Erste Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
2026 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Andrew V Marcus / Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 850 3
Der Blinde und der Taube
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Dereinst wird man sagen, dass das, was passiert
ist, unmöglich passieren konnte. Während heute
alle, die nichts davon verstehen, behaupten, dass
es ein Abenteuer gewesen sei, sage ich: Es war eine
Geburt. Kleine Wahrheiten sind in ihrem Anfang
nichts anderes als große Träume. Es ist eine Frage
der Zeit, mehr nicht. Geschichten haben eine Art
zu beginnen und eine Art zu enden. Das Wunder
ist wie ein seltsamer Fötus, im Schoße der Ver
-
zweiflung wächst es heran, bis es unerwartet zur
Welt kommt und Teil der Dinge wird, die ohne
das Wunder mit einem Mal unvollständig erschei
-
nen.
Vom Grab des Abdalati und von seinem Baum
hörte ich reden, solange ich zurückdenken kann. In
-
teressiert hatte es mich nie. Als ich noch ahnungslos
überallhin getragen werden konnte, pilgerte meine
Mutter mit mir zu den Heiligengräbern, von denen
in jedem Viertel und an jeder Dorfstraße eins zu n
-
den war. Dort wurden meine Augen mit Ölen und
Gebeten behandelt, um diesen Berg des Schwei
-
gens und des Trotzes irgendwie aufzubrechen, doch
nichts geschah. Als wäre die Blindheit etwas, was
mir von Anfang an und bis zum bitteren Ende vor
-
herbestimmt sei.
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Unzählige Jahre sind vergangen seit jenen Tagen, da
Mutter mich auf ihre Schultern setzte und loslief, als
tauchte sie in ein endloses Meer. Den zurückgeleg
-
ten Weg konnte ich an ihrer Stirn abschätzen, wenn
meine kleine Hand abglitt in einer Sintut verzwei
-
felten Schweißes. Stets kehrten wir heim von den
Gräbern der Heiligen, wie wir hingegangen waren.
Mit ihren verweinten und ehenden Augen leuch
-
tete Mutter uns den Weg, am Schweiß auf ihrer
Stirn ermaß ich den Umfang unserer Reise …
Schließlich gab ich auf. Ich sage dir, Hamdan, dass
ich aufgegeben habe. Und wäre ich der Stamm ei
-
nes Olivenbaums, ich wäre es dennoch müde, mir
ständig alle Kräuter dieser Erde auf die Lider zu
pressen und die Hände Tausender frommer Männer
und Scharlatane sie betatschen zu lassen, ohne dass
sich das Geringste ändert an der ewigen Finsternis,
die mir vor Augen steht wie das Tor zu einer bösen,
endlosen Nacht. Und eines Tages entdeckte ich die
Absurdität, so wie ihr Sehenden die Sonne aufgehen
seht. Du kennst sie, diese wundersamen Momente,
die ein ganzes Leben wert sind. Um genau so einen
unbezwingbaren Moment handelte es sich. An eine
Umkehr war nicht mehr zu denken. Seither sitze
ich da, so wie du mich jetzt dasitzen siehst. Meine
Stimme feilscht mit der Finsternis, derweil ich ver
-
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gesse. Du, Hamdan, bist noch immer nicht erwach-
sen. Das Schicksal denkst du dir als Zufall, der sich
allein durch einen nächsten Zufall verändern lässt.
Nach all dem, was wir erlebt haben, schlägst du mir
allen Ernstes vor, dass ich zum Grab des Abdalati
pilgere? Wo die Lahmen aufstehen und loslaufen?
Wo die Stummen sprechen und die Unfruchtbaren
gebären? Soll ich mich in diesem Leben tatsäch
-
lich noch einmal auf diese Schaukel schwingen?
Willst du, dass ich mich wieder solch leichtsinniger,
schrecklicher Honung aussetze?
Das Grab des Heiligen mit seinem Baum! Heute
erzählst du mir, sein erhabenes Haupt sei gesichtet
worden, wie es zwischen zwei Ästen stumm dem
Himmel zugewandt betete. Wie eine Frucht, sagst
du, scheine er dort zu wachsen und zu den Men
-
schen zu sprechen. Dieselbe Geschichte habe ich
schon einmal gehört, damals bin ich hingegangen.
Nein, nicht schon wieder, Hamdan, nicht schon
wieder. Zwei so große Lügen kann ein Leben nicht
verkraften.
Bestimmt lächelte Hamdan. Seit jeher war das et
-
was, was ich auf eine seltsame Weise spürte. Wusste
er, dass ich hingehen würde? Ermaß er tatsächlich
die Tiefe jenes gewaltigen Spiels, das wir Honung
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mit gestutzten Flügeln nennen? Ich hörte, wie seine
Schritte sich Richtung Ofen entfernten, um Brot
nachzulegen. Was auch immer er sich ausgerechnet
haben mochte, ich wusste, dass die kleinen Wahrhei
-
ten zu Beginn nichts anderes sind als große Träume
und dass Geschichten eine Art haben zu beginnen
und eine Art zu enden. Das Schicksal, das hinter un
-
serem Rücken arbeitet, hatte dafür gesorgt, dass es
mich an diesen Ort verschlägt. Von Zeit zu Zeit fragte
ich mich, was ein Blinder denn anderes tun konnte,
als Brot zu verkaufen. Ein Brotlaib ist das Einzige,
was wir mit unseren Fingern vollständig sehen, ge
-
nauso, wie man ihn mit den Augen erfasst. Geht
es um einen Brotlaib, kannst du dich nicht irren,
nicht einmal wenn du aus welchem Grund auch
immer – ohne Augenlicht zur Welt gekommen bist.
Seit zwanzig Jahren sitze ich auf diesem Stuhl und
verkaufe Brot, und ich kann mich nicht erinnern, je
-
mals einen Fehler gemacht zu haben. Meine Finger
schmecken den Laib, sie wiegen und prüfen ihn auf
seine Frische und Qualität hin, geradeso als wären sie
Auge und Waage in einem. Zweifellos ndet jedes
Leben seinen je eigenen Weg auf dieser Welt. Wäre
es anders, hätte ich nicht diesen Ort gefunden, wo
ich mich eingrabe wie eine Panze in ihre Vase, um
Tag für Tag weiterzuwachsen, umgeben von warmen
Brotlaiben und Menschenstimmen.
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Dessen ungeachtet, ist es denn möglich, dass etwas
einfach so für alle Zeit verschwindet? Findet sich
in diesem ganzen unermesslichen Universum kein
Mensch, lebend oder tot, und kein Umstand, der
in der Lage ist, diesen beiden Augen ihre Sehkraft
zurückzugeben – einfach weil das eine ohne das an
-
dere nicht denkbar ist?
Dumpfer Lärm erfüllte mich. Hamdan klatschte die
Brote auf die Kacheln des Ofens. Gleichzeitig wurde
mir klar, dass ich hingehen werde, geradeso wie die
Erde weiß, dass auf ihr das Gras wächst.
Dass es kein Entrinnen gab, gerade das hasste ich
zutiefst. Vielleicht fasste ich deshalb den Entschluss,
in der Nacht hinzugehen. Für mich machte es alles
in allem keinen Unterschied, dennoch oblag es den
Heiligen, stets zu wachen und niemals zu ruhn.
Stunden vergingen, während in mir drin das Verlan
-
gen loderte. Ich beschloss, beim Ofen zu schlafen,
und ließ die Zeit verstreichen, bis es vollkommen
still geworden war. Dann erhob ich mich.
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Nichts deutete auf etwas Ungewöhnliches hin. Es
war ein Tag, wie ich sie seit einer endlosen Reihe
von Jahren nur zu gut kenne. Dann wiederum
scheinen große Wahrheiten nicht zwangsläug
Umstände zu machen. Eben reichte ich einem
Mann eine Tasche mit Lebensmitteln und sprach:
»Es ist ein Elend. Ich wünschte, ich könnte Ih
-
nen …«
Da passierte es. Auf unerklärliche Weise stand die
Welt kopf. Junge, dachte ich, seit zwanzig Jahren
sagst du diesen Satz mehr als tausend Mal am Tag.
Jetzt überkommt dich ein unabweisbares Gefühl
von Scham …
Ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten, der Ton je
-
doch wurde durch die schreckliche Mauer blockiert,
die meine Ohren verschloss, so dass ihre Worte
für mich bar jeder Bedeutung waren. Hatte ich
mich daran gewöhnt? Zweifellos. Die Brücke des
Klangs war mir vollständig weggebrochen, doch der
Mensch lernt dazu. Wie die Toten sich an den Tod
gewöhnen, gewöhnt der Taube sich an die Taubheit.
Manchmal sage ich: Der Mensch gewöhnt sich ans
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Leben, der Taube an die Stille. Freilich, ganz so ein-
fach ist es nicht.
Eines Tages musst du in Ruhe darüber nachdenken.
Immer wieder rede ich mir ein, dass mir in den letz
-
ten zwanzig Jahren die Gelegenheit gefehlt habe, in
Ruhe darüber nachzudenken. Was habe ich nur für
ein elendes Leben geführt.
Kommt uns einer unserer fünf Sinne abhanden,
geht er nicht vollständig verloren. Wie soll ich die
-
ses merkwürdige Gefühl beschreiben? Die Taubheit
ist eine Art Schlummer der Töne. Der Gehörsinn
selbst verbleibt im Körper, es ist, als wäre das Tosen
der Welt in uns eingeschlossen wie ein beständiger
Hilferuf. Genau das ist es, worüber ich schon mein
ganzes Leben lang in Ruhe nachdenken möchte.
Was mir bleibt, ist das Hinweggleiten über reglose
Dinge. Still und eintönig spulen sich die Stunden
eines Lebens ab, und niemand weiß, wie es ver
-
läuft oder wohin es führt. Seit zwanzig Jahren sitze
ich hier und verteile Lebensmittel an eine endlose
Schlange von Geüchteten. Seit zwanzig Jahren zie
-
hen vor meinen Augen Männer, Frauen und Kin-
der vorüber wie Geisterwesen. Lautlos drängeln sie.
Prallen sie gegen die Lebensmittelbehälter, entsteht
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keinerlei Geräusch, es ist, als schwämme die Welt
vor meinen Augen in einem Aquarium dahin.
Nach und nach dämmerte mir, dass meine Präsenz
an dieser Stelle kein Zufall war. Diese endlose Reihe
Elender, zweifellos veruchten sie mich aus ihren je
eigenen Gründen, bin ich für sie doch nichts an
-
deres als die Hand des Hilfswerks, das ihnen Mehl,
Butter und Bohnen reicht. Was, wenn es an Mehl
mangelt? Wenn die Butter verdorben ist? Oder vor
lauter Hülsen kaum Bohnen im Sack sind? Ich für
meinen Teil hörte nichts davon. Meine Hände ver
-
teilten die Lebensmittelrationen. Ich sah, wie ihre
Lippen sich bewegten. Hören jedoch konnte ich
nichts.
Von Tag zu Tag verstand ich besser, dass sie mich
aus ganz bestimmten Gründen an diese Stelle ge
-
setzt hatten. Kein anderer Mensch wäre in der Lage
gewesen, zwanzig Jahre lang diesem Ansturm läh
-
mender Wut standzuhalten, Tag für Tag, eine Hand
nach der anderen. Ich war das eiserne Tor zum Palast
der Wohltaten, an dem sich die Wogen des Zornes
brachen. Vor meinen Augen schwammen Millionen
von Flüchtlingen in einem Aquarium wie hilflose
stumme Fischchen.

Ghassan Kanafani
Der Blinde und der Taube

Roman

Aus dem Arabischen von Joël László


LP 250
Paperback
ISBN 978-3-85787-850-3
Seiten 106
Erschienen 13. Januar 2026
€ 16.00 / Fr. 16.00

Aus dem Nachlass des Autors, zum ersten Mal auf Deutsch

Der blinde Aamir arbeitet als Brotverkäufer. Auch ohne zu sehen, weiss er genau, wie das Brot beschaffen ist, und kennt die Stimmen der Kundschaft wie auch diejenige von Hamdan, dem jungen Bäckergehilfen, zu dem er ein beinahe väterliches Verhältnis pflegt. Als bekannt wird, dass in einer Baumkrone beim nahe gelegenen Grab des heiligen Abdalati dessen Gesicht erschienen ist und bereits einige Bitten um Wunder Gehör gefunden haben, beschliesst Aamir trotz grosser Bedenken, Abdalati zu besuchen – in Erinnerung an seine verstorbene Mutter, die ihn als Kind auf ihre Pilgerreisen mitgenommen hatte, um für sein Augenlicht zu beten.
Auf seinem Weg zur heiligen Stätte begegnet er Abu Kais, einem gehörlosen Mann, der zufällig aus demselben Heimatort stammt. Die beiden werden Freunde und finden gemeinsam schnell heraus, dass das Gesicht im Baum nur ein grosser Pilz ist. Aber ihre Begegnung versetzt sie in eine neue Gewissheit über ihr Dasein und bereichert ihren Alltag mit unerwarteten Erkenntnissen.

Ghassan Kanafanis letzter Roman ist inhaltlich und formal von erstaunlicher Schönheit, gerade auch wegen seiner Tragikomik. Eine Geschichte über unverhoffte Freundschaft, über die Bedeutung von Glück und die magische Wirkung von Wundern aller Art.


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