LENOS
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LP 219
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Ella Maillart
Der bittere Weg
Mit Annemarie Schwarzenbach unterwegs
nach Afghanistan
Aus dem Englischen
von Carl Bach
Mit einem Nachwort
von Brigitta Kaufmann
Lenos Verlag
Die Autorin
Ella Maillart (1903–1997) wuchs in Genf auf und war in vielerlei Hinsicht eine
Wegbereiterin. Die hervorragende Sportlerin vertrat 1924 die Schweiz an den
Olympischen Spielen in Paris im Einhandsegeln. Von 1930 bis ins hohe Alter
unternahm sie zahlreiche Reisen, u. a. in die Sowjetunion, nach Afghanistan,
China, Tibet, Indien und Nepal.
Sie schrieb, fotografierte und hielt Vorträge über ihre Expeditionen. Mit ihren
Werken Verbotene Reise und Turkestan Solo erlangte sie internationale Anerken-
nung als Asienkennerin, Reiseschriftstellerin und Fotografin.
Titel der englischen Originalausgabe: The Cruel Way
Copyright © by Anneliese Hollmann, Genf
Das Buch erschien 1948 im Orell Füssli Verlag unter dem Titel Auf abenteuer-
licher Fahrt durch Iran und Afghanistan und 1988 im eFeF-Verlag in einer
überarbeiteten Neuausgabe unter dem Titel Flüchtige Idylle.
LP 219
Vierte Auflage 2021
Copyright © der deutschen Übersetzung 1988 by eFeF-Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfotos: vorn: Gilbert Meylan. Annemarie Schwarzenbach et Ella
Maillart avant de partir pour l’Afghanistan, 6 juin 1939. © Droits réservés.
Musée de l’Elysée, Lausanne; hinten: Iran, Meshed (Mashhad), Landschaft
(SLA-Schwarzenbach-A-5-19/140)
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 819 0
MIX
Papier
FSC
®
C083411
®
Der bittere Weg
Inhalt
1 Die Idee 11
2 Der Start 19
3 Italien 29
4 Jugoslawien 37
5 Sofia 47
6 Istanbul 59
7 Das Schwarze Meer 67
8 Das Pontische Gebirge 79
9 Bajazet 89
10 Aserbeidschan 103
11 Strassen 117
12 Nikpeh 127
13 Sultanieh 137
14 Teheran 143
15 Gumbad-i-Kabus 153
16 Chorassan 167
17 Meschhed 179
18 Abbas Abad 189
19 Die Grenze 199
20 Herat 209
21 Bala-Murghab 223
22 Schirbichan 237
23 Turkestan 253
24 Pol-i-Khumri 263
25 Do-au 281
26 Bamian 293
27 Bend-i-Emir 303
28 Begram 313
29 Kabul 325
30
Mandu 339
Widmung 349
Nachwort von Brigitta Kaufmann 351
Anhang 371
»Du suchst eine ›neue Welt‹. Ich kenne eine, die stets neu ist,
weil sie ewig ist. O ihr Abenteurer, ihr Eroberer Amerikas, mein
Abenteuer ist schwieriger und heroischer als all die euren. Ich
muss durch tausend Leiden gehen, schlimmer als die euren, ich
muss einen langen Tod erdulden, ehe der körperliche kommt, ehe
ich jene Welt erobern werde, die ewig jung ist. Wagt es, mir zu
folgen, und ihr werdet sehen.«
Heilige Theresia von Jesu (1515–1582)
»… die Seelenärzte haben jene Wahrheit erkannt: man lindert
Leiden, indem man dem Denken kundtut, was im Herzen liegt.
Ich glaube, dass dies ein Teil des kosmischen Vorganges ist, der
den Bedürfnissen der Seele dient, für die das Universum geschaf-
fen wurde, eines Vorganges, durch den wir uns klarer erkennen
können und den Tiefen in uns und der Wahrheit des Seins näher-
gebracht werden. Jeder Schritt, so schmerzhaft er auch sein mag,
durch den wir eine tiefere Selbsterkenntnis gewinnen, bringt eine
Weisheit mit sich, die ein Ausgleich für unseren Kummer ist,
und deren Erwachen, wie ich wahrhaft glaube, die Vergebung
unserer Sünden bedeutet.«
Æ (Vorwort zu Mors et Vita)
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1
Die Idee
»Hoffentlich ist es morgen wärmer, wenn ich dich zum
Bahnhof bringe, sonst kann’s passieren, dass der Wagen
zusammenkracht, denn diese Kälte wird er nicht mehr
aushalten.« Christina sagte das ganz beiläufig, ich hörte
es kaum, denn ich war mit meinen Gedanken noch im-
mer in Prag: sie hatte gerade die Seele jener Stadt be-
schrieben, das Leben ihrer tschechischen Freunde, deren
völlige Verzweiflung und Hilflosigkeit, da Hitler erbar-
mungslos, unaufhaltsam näherrückte.
Wir blickten aus dem kleinen Fenster ihres Bauern-
hauses im Engadin. Es war tiefster Winter. Wolken
verhüllten die gegenüberliegenden Hänge des Fextales,
wo wir am Morgen zwischen schimmernden rotbraunen
Lärchen Ski gelaufen waren. Ein niederer, düsterer Him-
mel drückte auf das Tal – schattenlos lag es da, tot. Trotz
der hohen Gebirgslage sah das Land flach aus und weit,
denn das Haus stand am Ufer eines Sees, der jetzt unter
einer dicken Schneeschicht fest zugefroren war. Nur diese
trostlose, weite Fläche lag zwischen uns und dem Hori-
zont im Süden, wo der Malojapass nach Italien führt.
Christina hatte wohl hinzugefügt: »Der Wagen ist
ausgeleiert, Vater hat mir aber einen Ford versprochen.«
Ich hörte nur den letzten Namen, und dadurch kam alles.
Dieses eine Wort genügte herumflatternde Gedan-
ken vereinten sich zu richtiger Folge, vage Wünsche kri-
stallisierten sich zu einem festen Plan. Wie ein langgezo-
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genes Echo hörte ich eine Stimme sagen, die die meine zu
sein schien:
»Einen Ford! Das ist der Wagen, mit dem man die
neue Hasarejdschatstrasse in Afghanistan hinauffahren
sollte! Auch Persien sollte man im eigenen Wagen durch-
queren. Vor zwei Jahren bin ich in Lastautos von Indien
nach der Türkei gerattert diese Reise werde ich wohl
nie vergessen, mit all dem Staub und Dreck, den vielen
Pannen, der Inbrunst der Pilger, dem Übernachten im
Freien neben der Strasse oder in überfüllten Karawan-
sereien, den Polizeikontrollen in jedem Dorf und das
schlimmste dem Zwang, bei den Camions zu bleiben,
statt nach Belieben umherziehen zu können.«
Ein diffuses Licht in den Wolken über dem Malojapass
schien den Weg zu weisen: nach einem Abstieg von fünf-
zehnhundert Metern in die Wärme der Lombardei würde
er sich durch den Balkan winden und uns zum Bosporus
führen, dem Tor zur Unendlichkeit Asiens mein Geist
befand sich bereits in Persien.
»Im Osten des Kaspischen Meeres werden wir zum al-
ten Turm Gumbad-i-Kabus fahren und unter den persi-
schen Turkmenen campieren; möglicherweise haben die
noch ihre alten Sitten und Bräuche bewahrt, die ich bei
ihren von den Sowjets modernisierten Stammesbrüdern
vergebens gesucht habe. Wir werden die goldene Kup-
pel des Grabmales von Imam Reza sehen eine kom-
pakte, glatte, kostbare Schale, die zum Himmel ragt.
Dann kommen wir zu den riesigen Buddhas im klaren
Bamiantal und zu den unwahrscheinlich blauen Seen des
Bend-i-Emir. Danach geht es weiter die Nordseite des
Hindukusch hinunter, das Tal des mächtigen Oxus hin-
auf, wo wir in den Bergen verschwinden werden, bevor
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uns ein Verbot aus Kabul daran hindern kann. Dort le-
ben in einer Gegend, in der ich mich glücklich fühle, die
Menschen, die ich studieren möchte: Bergbewohner, die
nicht durch künstliche Bedürfnisse versklavt sind, freie
Menschen ohne den Zwang, ihre tägliche Produktion zu
steigern. Lässt man uns nicht nach Kafiristan, können wir
durch Indien fahren, die Burmastrasse nehmen und bei
den Lolos in Osttibet bleiben. Wenn ich neues Material
über diese Stämme gesammelt habe, werde ich endlich in
die Gemeinschaft der Ethnologen aufgenommen werden.
Dann wird alles gut sein: Ich werde einer wissenschaftli-
chen Organisation angehören, es wird mein Beruf sein, in
der Welt umherzuziehen, ich werde nicht mehr Bücher
schreiben müssen, um mir mein Leben zu verdienen.«
Eine Macht, die unter meinen Worten schlummerte,
hatte einen Plan geboren, der bereits so reif war, dass er
sich von selbst aufdrängte; es war wie das Zauberkunst-
stück des Mangobaums.
Schliesslich kam Christina zu Wort: »Als ich in Te-
heran war, hatte ich mir immer gewünscht, weiter nach
dem Osten zu kommen, wo die Menschen ihre alte tradi-
tionelle Lebensweise noch nicht aufgegeben haben.«
Ihre Stimme brachte mich in die Gegenwart zurück.
Prüfend blickte ich sie an; obwohl sie sich von einer mo-
natelangen, höchst anstrengenden Kur noch nicht ganz
erholt hatte, war der Ausdruck ihrer Augen gesund und
entschlossen. Um diese neue Strömung mit den erst besten
Steinen, deren ich habhaft werden konnte, einzudäm-
men, sagte ich: »Christina, ich hab ja Unsinn geredet!
Bevor du nicht zehn Kilo zugenommen hast, ist gar nicht
daran zu denken, solche Strapazen durchzumachen. Aus-
serdem, wer würde uns finanzieren? Und der Krieg wird
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sowieso bald losgehen … Und wenn nicht, muss ich wohl
eine Vortragstournee durch die Staaten machen.« Mein
Hauptargument brachte ich gar nicht vor: angenommen,
sie wäre bald wieder hergestellt, wie lange könnten wir es
miteinander aushalten?
Obwohl sie wahrscheinlich meine Gedanken erriet,
erwiderte sie nichts nichts! Ihre zarte Hand hielt eine
Zigarette, die Haut spannte sich dünn wie Seidenpapier
über den gelben Knöcheln. Sie sass auf der Bank die
Brust eingefallen, ihr knabenhafter Körper lehnte sich an
den grossen Ofen in der Zimmerecke, die Knie hielt sie
umklammert. Ohne die Spannung, die von ihr ausging,
wäre es in diesem Bauernhaus (die rötliche Maserung
der Zimmertäfelung aus Arvenholz mit den mandelför-
migen Astmasern wirkte wie Moiréseide) sehr geruhsam
gewesen, während draussen der Sturm heulte. Tisch und
Wände fühlten sich, fuhr man mit der Handfläche dar-
über, glatt und wohltuend an.
Obwohl scheinbar gelassen, war Christina mit Unruhe
geladen. Äusserlich ruhig wie gewöhnlich, war ihr farb-
loses Gesicht ein Symbol, das ich zu deuten suchte: es
spiegelte nichts vor, es war ein ›einfaches‹ Gesicht, es war
offen, ungekünstelt, nicht von sich selbst eingenommen.
Unter der Fülle des kurzgeschnittenen Haares schien der
Kopf zu gross zu sein, zu schwer mit Gedanken befrach-
tet für ihren so gebrechlichen Hals. Die Stirn war nicht
hoch, aber fesselnd durch ihre Breite, ihre Entschlossen-
heit – zuweilen fast Starrköpfigkeit.
Ich wusste, dass sich hinter dieser Stirn oft Gedan-
ken zu einem hohen Flug aufschwingen konnten, sowie
sie eine Besessenheit überwunden hatten, die mir noch
nicht ganz klar war. Die weit auseinanderstehenden Au-
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gen zeigten unter Brauen, die viel dunkler als ihr Haar
waren, wechselnde Schattierungen von dunkelblauem
Grau. Diese Augen gehörten zu einer Seele, die Schön-
heit liebte und oft vor einer unharmonischen Welt zu-
rückschreckte; sie konnten strahlen vor Begeisterung, vor
Liebe, sie konnten einen anlächeln, aber lachen sah ich
sie nie. Wenn man die Nase genau betrachtete, stellte
man fest, dass sie fleischiger war, als man zuerst annahm;
sie deutete darauf hin, dass Christinas Konstitution viel-
leicht doch nicht so schwach war, wie sie zu sein schien.
Um den bleichen, unregelmässig geschnittenen Mund
lag Melancholie die Lippen inhalierten mit stummer
Gier Rauch. (Ihre Zähne nahmen stets eine dunklere Fär-
bung an, wenn ihre Vitalität nachliess, hatte sie mir er-
zählt.) Das kleine Kinn wirkte besonders jugendlich und
erinnerte an ein versonnenes Kind, das Schutz sucht. Ihre
Hände glichen denen eines geduldigen Künstlers, der
mit seinem Meissel eine klare Linie zu ziehen versteht.
Ich habe gesehen, wie sie nacheinander sieben Bogen in
die Schreibmaschine spannte, bevor ein bestimmter Satz
die Vollkommenheit erlangt hatte, die allein sie befriedi-
gen konnte. Schreiben war der Gottesdienst ihres Lebens,
er beherrschte sie ganz und gar.
Ihr ernster Ausdruck gehörte zu ihrem Streben nach
Einhaltung der Formen. Mit einem unordentlichen Ge-
sicht wie dem meinen würde sie sich nie gezeigt haben.
Auf diesen merkwürdigen, gespannten Ernst war es
hauptsächlich zurückzuführen, dass sie von einem ge-
meinsamen Freund der ›gefallene Engel‹ genannt wurde.
Die Anmut ihres zarten Körpers, die blassen Schläfen, die
die Nachdenklichkeit ihres Gesichtes betonten, wirkte
ungemein stark auf jene, die von der tragischen Grösse
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der Androgynie angezogen werden. Um meine Furcht zu
zerstreuen, erwiderte sie schliesslich energisch: »Kini
ich muss fort von hier! Ich bin erledigt, wenn ich in un-
serem Land bleibe, wo ich keine Hilfe mehr finde, wo ich
zu viele Fehler begangen habe, und wo die Vergangen-
heit zu schwer auf mir lastet Ich hatte daran gedacht,
nach Lappland zu gehen, aber viel lieber möchte ich mit
dir nach Afghanistan fahren. Weisst du … ich habe noch
nicht gelernt, allein zu leben! Bei deinen ethnologischen
Forschungen im Gebirge brauche ich dich ja nicht zu be-
gleiten. Du bist ja mit den Hackins befreundet, und viel-
leicht könnte ich ihnen bei ihren Ausgrabungen behilf-
lich sein. Du weisst ja, dass ich schon mit Archäologen in
Syrien und in Persien zusammengearbeitet habe.«
Nach kurzer Pause fuhr sie fort: »Du machst dir Sorge
wegen meiner Gesundheit, und ich gebe zu, dass ich noch
schwach bin. Aber du kennst meine Konstitution nicht.
Du brauchst nur die Ärzte zu fragen; denen ist es ein Rät-
sel, dass ich mich immer wieder erhole. Ich verspreche
dir, jetzt jeden Tag Ski zu laufen statt so viel zu rauchen;
dann bekomme ich mehr Appetit, esse mehr und nehme
zu. Und was das Geld anbelangt, so müssen unsere Ver-
leger einspringen. Ich bin gerade mit meinem letzten
Buch fertig geworden und kann einen Vorschuss auf eine
Geschichte über Afghanistan bekommen. Auch das Geo-
graphical Magazine wird uns helfen.« Mit noch verhalte-
nerer Stimme fügte sie hinzu: »Ich bin jetzt dreissig. Es
ist die letzte Chance, mich in die Hand zu bekommen.
Diese Reise wird keine himmelhochjauchzende Eskapade
werden, als wären wir noch zwanzig – das ist unmöglich,
da die europäische Krise von Tag zu Tag zunimmt. Diese
Reise muss uns endgültig auf die Beine bringen; wir kön-
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nen uns gegenseitig dazu verhelfen, vernünftige, verant-
wortungsbewusste Menschen zu werden. Mein blindes
Herumtappen im Leben ist unerträglich geworden. Was
ist der Grund, der Sinn dieses Chaos, das Menschen und
ganze Völker vernichtet? Und ich muss doch etwas mit
meinem Leben anfangen können, es muss doch etwas ge-
ben, wofür ich froh leben oder sterben möchte! Kini
wie lebst du?«
»Also hör mal. Wir wollen praktisch sein. Wir haben
schon lange ausgemacht, dass wir uns erst selbst besser
kennenlernen müssen, bevor wir etwas anderes wissen
können. Wir haben auch festgestellt, dass das Chaos um
uns mit dem Chaos in uns im Zusammenhang steht.
Aber vor allem musst du kräftiger werden, darfst nicht
mehr deiner Gesundheit auf Gnade und Ungnade aus-
geliefert sein. Bist du gewillt, in den nächsten Mona-
ten deine wunderbare Energie dazu zu verwenden, einen
neuen Körper für deine wiederhergestellten Nerven zu
schaffen? Wirst du aufhören, dir den Kopf über Probleme
zu zerbrechen, die du doch noch nicht lösen kannst? Sag
nicht einfach ja, um mich zu beruhigen, sondern mache
dir klar, was du dir selbst schuldig bist. Du hast zum Bei-
spiel oft gesagt, du würdest mit deinen ganzen Kräften
gegen Hitler kämpfen, wenn der Krieg ausbricht; aber
wie willst du das tun, wenn du nur ein Schatten bist?«
Ich sprach so kategorisch wie möglich, aber ich wuss te,
welche Qual sich hinter Christinas einfachen Worten
verbarg. Und tief im Innern, wo das Leben geheimnis-
voll und ruhig dahinfliesst, sprach ich ein stilles Gebet:
»Hätte ich doch nur die Möglichkeit, dir zu helfen, un-
geduldige Christina, die du so gequält wirst von der Un-
vollkommenheit der menschlichen Natur, so bedrückt
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von der Falschheit des Lebens, von der Parodie der Liebe
um uns herum. Möge es mir, wenn wir zusammen rei-
sen, vergönnt sein, dich nicht zu enttäuschen, mögen
meine Schultern so stark sein, dass du dich auf sie stützen
kannst. Ich werde mit dir auf der weiten Erde auf den-
selben Strassen wandern, auf denen ich schon gewandert
bin – in meinem Innern habe ich schon längst begonnen,
mir Fragen zu stellen, die den deinen gleichen; möge das
Geringe, das ich habe erkennen können, dir helfen, das zu
finden, was jeder von uns allein finden muss!«
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Der Start
Wenn unsere Gedanken nach den grossen Wasserschei-
den Asiens schwebten, so war Silvaplana im Engadin das
Sprungbrett gewesen. Der wirkliche Startplatz aber war
der felsige Simplonpass, von dem aus wir holterdiepol-
ter die Gebirgsstrasse hinunter und durch die dunkle
Schlucht nach Italien fuhren.
Schneefetzen, die in dem milden Wind unsichtbar
tauten, betupften die grauen Berghänge. Kein Verkehr,
kein Lärm störte uns auf dieser Strasse, die noch immer
von schmutzigen gefrorenen Schneemauern eingefasst
war. Tausend Meter unter uns bahnte sich wahrschein-
lich gerade ein Zug seinen Weg durch den fast zwanzig
Kilometer langen Tunnel wir waren hier oben glück-
licher, zwischen der Ebene und dem Hochgebirge, zwi-
schen Süd- und Mitteleuropa, zwischen dem Zauber la-
teinischer Herzlichkeit und der Schwere germanischer
Zurückhaltung, und wir bewunderten diese natürliche
Grenze, die keine Politik ändern kann.
Hier wollen wir einen Moment verweilen, bevor wir
zum letztenmal zur Schweiz blicken, wir wollen uns ins
Gedächtnis zurückrufen, was wir damals, im Jahre 1939,
hinter uns gelassen hatten. Unsere Abschiedstour hatte
uns nach Paris, London und Berlin geführt, diesen Stadt-
ungeheuern, die betrieb- und lärmerfüllt wie stets waren.
Sie bildeten den Hintergrund unserer Welt, einer Welt,
die wir dem Untergang geweiht wussten. Bis ›es‹ ge-
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schah, mussten wir unseren Weg verfolgen, weil wir ihn
für weniger nichtig hielten als jede andere Betätigung.
Paris – vom Konsulat zum Verleger, von der Schneide-
rin zum Museum, von der Bank zum Ratschläge erteilen-
den Journalisten, vom Autohändler zur Redaktion, vom
Anthropologen zum Kameramann, vom Arzt zur Biblio-
thek rasend, fand ich mich eines Tages auf den Champs-
Elysées. Die Blüten der Kastanien schienen in der Mor-
genluft zu funkeln, der Himmel war hellblau, heiter,
klar. Ich bog in die Avenue Montaigne ein, um in mein
stilvolles Zimmer im Haus meiner Freunde am Seineufer
zu gehen. Ich war glücklich, doch trotz des schönen Au-
genblicks schnürte sich mir die Kehle zu. Tränen flossen
meine Wangen hinunter, unaufhaltsam; tief bewegt, halb
geblendet, musste ich mich auf eine Bank setzen, um
mich wieder zu sammeln.
Ganz langsam formte sich dieses übermächtige, unper-
sönliche Gefühl zum Gedanken ich litt um Paris. Es
kam mir vor, als würden Körper und Geist der Stadt ge-
martert, verstümmelt, in Stücke gerissen, und als sei ich
eine Masse von Mitleid geworden, gross genug, um die
ganze geistreiche Kapitale, die ich so gut kannte, einzu-
hüllen. Was konnte ich angesichts dieses Elends anderes
tun als weinen – weinen mit einer Intensität, über die ich
selbst staunte.
Nach einer Weile begannen sich normalere Gedanken
zu formen; ›es‹ war noch nicht geschehen, und selbst
wenn es geschehen sollte, würde es vielleicht nicht ganz
so entsetzlich werden Jetzt wusste ich nur, dass ich
von Paris Abschied nahm. Ich musste mit Inbrunst daran
denken, denn ich fühlte, dass ich die Stadt nie wieder so
sehen würde, wie sie jetzt war.

Prix Schiller

Ella Maillart
Der bittere Weg

Mit Annemarie Schwarzenbach unterwegs nach Afghanistan

Aus dem Englischen von Carl Bach
Mit einem Nachwort von Brigitta Kaufmann


LP 219
Paperback
ISBN 978-3-85787-819-0
Seiten 375
Erschienen 4. Januar 2021
€ 16.50 / Fr. 22.00

Ella Maillart, die durch ihre abenteuerlichen Reise­berichte berühmt wurde, schildert die Fahrt, die sie im Juni 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, mit Anne­marie Schwarzenbach unternahm. Der Weg führt die beiden (Foto-)Journalistinnen und Schriftstellerinnen von der Schweiz aus über die Türkei und Persien nach Afghanistan.

Beide hoffen, weitab von Europa »Menschen zu begegnen, die friedlich zu leben verstehen«, und den eigenen inneren Frieden zu finden. Die Reise ist allerdings überschattet von Annemarie Schwarzenbachs Drogensucht und wird für Ella Maillart zu einem dramatischen Kapitel ihres Lebens.

Ausgezeichnet mit dem Prix Schiller 1953

Der Film zum Buch: Die Reise nach Kafiristan

Pressestimmen

Der bittere Weg besitzt unzweifelhaft die Qualitäten einer eindringlichen, spannenden Reisebeschreibung, macht die Schauplätze erlebbar, den Weg fast greifbar.
— Tages-Anzeiger
Ella Maillarts Reiseberichte lesen sich spannend wie Abenteuerromane.
— Die Zeit
Das Werk ist mehr als ein spannendes Reisebuch – ein eigentlicher Schlüsselroman über Annemarie Schwarzenbach, die frühverstorbene Schweizer Schriftstellerin und Journalistin, deren trotz Reichtum, Schönheit und Begabung tragisches Schicksal betroffen macht.
— Badener Tagblatt