LENOS
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Daniel Isaacson ist der Sohn jüdischer Eltern mit kommunisti-
scher Überzeugung. Sie wurden der Spionage verdächtigt, in einem
aufsehenerregenden Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Der damals vierzehnjährige Daniel und seine neunjährige Schwester
Susan wurden von Pegeeltern adoptiert. Seither sind Jahre vergan-
gen.
Der Roman spielt 1967 und beginnt mit Daniels Reise zu Susan, die
nach einem Suizidversuch in eine psychiatrische Klinik eingeliefert
wurde. Ihre Verzweiflung zerstört Daniels bisherige Anstrengungen,
die grauenvollen Kindheitserinnerungen zu verdrängen. Er versteht
nun, dass er die Vorgänge um die Verdächtigung, die Verhaftung
und Verurteilung seiner Eltern wieder aufrollen muss. Dabei gibt er
sich nicht nur mit den Bildern zufrieden, die ihm aus der Kindheit
im Gedächtnis geblieben sind. In seiner Spurensuche rekonstruiert
er auch systematisch den Prozess und die Strategie des Verteidigers,
prüft die Schuld der Personen, die seine Eltern denunziert hatten,
und erforscht dabei das politische Bewusstsein seiner eigenen Ge-
neration.
E. L. Doctorow, der mit diesem Roman »in die erste Reihe zeitge-
nössischer amerikanischer Autoren aufgerückt ist« (New York Times),
benutzt das historische Material des während der McCarthy-Ära ge-
führten Prozesses gegen Ethel und Julius Rosenberg wegen angebli-
cher Atomspionage als Idee zu seinem fesselnden, auch heute wieder
hochaktuellen Roman.
Der Roman wurde 1983 von Sidney Lumet unter dem Titel Daniel
verlmt.
Lenos Verlag
E. L. Doctorow
Das Buch Daniel
Roman
Aus dem Amerikanischen
von omas Schlück
Der Übersetzer
omas Schlück, geboren 1943, war zunächst als Übersetzer aus
dem Englischen (u. a. Ray Bradbury, P. D. James und Henry Slesar)
und als Herausgeber tätig, bevor er 1973 zusammen mit seiner Frau
Eva eine Literaturagentur gründete. Er lebt in Garbsen.
Die deutsche Übersetzung erschien erstmals 1974
im Insel Verlag, Frankfurt am Main.
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
e Book of Daniel
Copyright © 1971 by E. L. Doctorow
Erste Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
1974 by omas Schlück
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagbild: Ellsworth Kelly (1923–2015). Statue of Liberty,
1957. Postcard collage. 5½ × 3½ in (14 × 8,9 cm).
© Ellsworth Kelly Foundation
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 048 6
www.lenos.ch
für Jenny
und
Caroline
und
Richard
Und der Herold rief überlaut: Das lasst euch gesagt sein,
ihr Völker, Leute und Zungen! Wenn ihr hören werdet
den Schall der Posaunen, Drommeten, Harfen, Geigen,
Psalter, Lauten und allerlei Saitenspiel, so sollt ihr nie-
derfallen und das goldene Bild anbeten, das der König
Nebukadnezar hat setzen lassen. Wer aber alsdann nicht
niederfällt und anbetet, der soll von Stund an in den
glühenden Ofen geworfen werden. Da sie nun hörten
den Schall der Posaunen, Drommeten, Harfen, Geigen,
Psalter und allerlei Saitenspiel, elen nieder alle Völker,
Leute und Zungen und beteten an das goldene Bild, das
der König Nebukadnezar hatte setzen lassen.
Daniel 3,4–7
Mit gewaltiger Musik komme ich, mit Zinken und
Trommeln;
Ich spiele nicht bloß Märsche für anerkannte Sieger, ich
spiele auch Märsche für Besiegte und Erschlagene.
Walt Whitman, Gesang von mir selbst
Amerika ich gab dir alles und jetzt bin ich nichts. …
Ich darf nicht querköpg sein.
Amerika wann endet der Krieg unter Menschen?
Leck dich mit deiner Atombombe.
Allen Ginsberg, Amerika
Erstes Buch
Memorial Day
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Am Memorial Day des Jahres 1967 reiste Daniel Lewin
in knapp fünf Stunden per Anhalter von New York
nach Worcester, Massachusetts. Bei ihm war seine junge
Frau Phyllis und ihr acht Monate alter Sohn Paul, den
Daniel in einem Stühlchen wie einen Rucksack trug.
Der Tag war heiß, und es sah bedrohlich nach Regen
aus, und der Morgenverkehr fragte sich – ich meine, der
morgendliche Verkehr war noch nicht sehr stark, doch
kaum ein Fahrer konnte an ihnen vorbeifahren, ohne
sich zu fragen, wer die beiden wohl waren und welches
Ziel sie haben mochten.
Dies ist ein inline-Filzstift, schwarz. Dies hier ist
ein Composition-Notizbuch 79C, made in
USA von
Long Island Paper Products, Inc. Und hier ist Daniel,
der eine der dunklen Nischen des Blätterzimmers aus-
probiert. Bücher zum Durchblättern füllen die Regale.
Ich sitze an einem Tisch mit einer Stehlampe neben
mir. An diesen holzgetäfelten Raum mit seinen bücher-
vollen Alkoven schließt sich der Zeitungsraum an. Der
Zeitungsraum ist voller Zeitungen an langen Stöcken,
voller Magazine aus der ganzen Welt und voller Aus-
würfe von Gelehrtengesellschaften. Weiter unten am
Flur liegen der Hauptlesesaal und der Eingang zur Aus-
leihe. In den darüberliegenden Stockwerken benden
sich die Spezialsammlungen der verschiedenen Schul-
büchereien einschließlich der Bibliotheksschulbücherei.
Unter uns gibt es sogar eine Zweigstelle der öentli-
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chen Bücherei. Ich fühle mich ermutigt weiterzuma-
chen.
Daniel, ein großer junger Mann von fünfundzwanzig,
trug sein lockiges Haar lang. Die stahlgefasste Brille und
ein voller Schnurrbart, braun wie sein Haar, ließen ihn
zwar nicht älter aussehen, als er war, doch beherrschter
und eigenwilliger. Machen wir uns nichts vor, er wirkte
gelassen, bewusst gelassen. Tatsächlich war an seiner Er-
scheinung nichts Zufälliges. Hätte er so in den dreißiger
Jahren gelebt, wäre er ein junger Kommunist gewesen.
Ein Cafeteria-Kommunist. Er trug ein blaues Gefäng-
nisjackett und Jeans. Seine aus Brooklyn stammende
Frau war neunzehn und hatte langes, glattes naturblon-
des Haar, das an diesem Tag zu Zöpfen geochten war.
Sie reichte ihm bis zur Schulter. Sie trug eine buntge-
blümte Hose mit Schlag und einen Khaki-Regenponcho
und hielt einen kleinen Beutel mit Babysachen in der
Hand. Sie redete aus Prinzip gern mit Fremden, um ih-
nen die Angst zu nehmen, und obwohl Daniel sie zuerst
nicht hatte mitnehmen wollen, war er nun froh, dass er
nachgegeben hatte. Sie kamen schnell voran. Sie nahm
ihm das Reden ab, während er aus dem Fenster starrte.
Die Autos, wie er registrierte, waren sehr groß und breit
und weich. Die Leute, die sie mitnahmen, waren nicht
ängstlich, eher gönnerhaft. Sie stellten viele Fragen und
fanden es oenbar unterhaltsam, diese jungen amerika-
nischen Leute im Wagen zu haben, die bestimmt Mari-
huana rauchten, obwohl sie ein Kind hatten.
Gegen dreizehn Uhr wurden sie an der Route 9 in
Worcester abgesetzt, eine Meile von ihrem Ziel entfernt.
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Sie blickten einen steilen Hügel hinauf. Auf der Hügel-
kuppe, aus dieser Entfernung noch nicht zu sehen, lag
der Eingang zum Worcester State Hospital. Daniel war
noch nie hier gewesen, doch die Beschreibung seines
Vaters war präzise. Daniels Vater war Rechtsprofessor
am Boston College, vierzig Meilen weiter östlich.
Es hat ihm gar nicht gepasst, dass ich Phyllis heira-
tete, ebenso wenig wie meiner Mutter, aber natürlich
sagten sie nichts. Aufgeklärte Liberale sind eben so.
Phyllis, eine Abgängerin im ersten Semester, ist nicht
ihr Bier. Auch so sind die Liberalen. Sie verwechseln
Charakter mit Bildung. Sie können sich nicht vorstel-
len, dass wir in Schönheit miteinander alt werden und
uns gegenseitig Kraft geben wollen. Vielleicht wittern
sie auch das starke erotische Moment meiner Ehe und
nden es widerlich. Phyllis gehört zu der Sorte linki-
scher Mädchen mit schweren Schenkeln und schweren
Titten und einem schmalen, hübschen Gesicht, deren
weibliche Vorfahren aus Harems stammen müssen. Die
Art von schwerfälligem, hilflosem Gebärwesen, die den
Kalifen geel. Eine Sanddüne, die dazu da war, zertram-
pelt zu werden. Vielleicht haben sie Angst, dass ich sie
zertrampele.
Daniel überlegte, ob er den Hügel hinauf einen Stadt-
bus nehmen sollte, aber die Autos standen Stoßstange
an Stoßstange, und sie kamen zu Fuß fast schneller
voran. Phyllis neben sich, ihre Hand leicht auf seinem
Arm, die Daumen unter die Brustriemen der Babytrage
geschoben, so schritt er den Hügel hinauf. Die Straße
war in beiden Richtungen verstopft, und die blauen
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Auspugase wehten durch die schwere Luft. Daniel
stellte sich vor, wie sich die Dünste um seine Knöchel
legten, zur Hüfte aufstiegen und schließlich seinen Hals
umschlossen. Neben ihnen verlief eine Steinmauer, die
den Bürgersteig vom Krankenhausgelände trennte. Am
tiefer gelegenen Straßenrand gab es Tankstellen, Tro-
ckenreinigungs-Drive-ins, Autowaschanlagen, Läden,
Pizzastände. Überall amerikanische Flaggen.
Als sie sich dem Hügelkamm näherten, erblickten
sie ein Steinhäuschen, in dem einige Leute auf den Bus
warteten. Ein Bus traf ein. Er entlud seine Passagiere,
schloss zischend seine Türen und verschwand über den
Hügel. Keiner der Menschen, die an der Haltestelle
warteten, war eingestiegen. Eine Frau trug einen Pull-
over, der ihr zu klein war, dazu einen langen, weiten
Rock, dicke weiße Wollsocken und Puschen. Ein Mann
war im Unterhemd. Ein anderer Mann trug Schuhe,
aus denen vorn die Zehen herausschauten, ein ecki-
ges blaues Sergejackett und braune Hosen. Irgendetwas
stimmte nicht mit diesen Leuten. Sie schnitten Gesich-
ter. Ein Mund lächelte ins Nichts, wurde ernst, lächelte
wieder und wurde ernst. Ein Kopf bewegte sich in hef-
tiger Verneinung. Die meisten trugen braune Papier-
beutel, die sie eng zusammengerollt an sich pressten. In
diesen Beuteln schienen sie ihr Leben zu halten. Daniel
nahm Phyllis’ Arm. Als sie die Bushaltestelle erreichten,
strebten die sonderbaren Leute auseinander, schwebten
los wie Tauben, die ihnen auswichen, schwebten um sie
herum, formierten sich hinter ihnen neu, regten sich in
der Luftbewegung der Vorbeigegangenen unruhig vor
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dem kleinen Kiosk. Nur einer nicht. Ein Mann, der
Mann im Unterhemd, lief vor ihnen her, blickte über
die Schulter zurück, als sie auf das Krankenhausgelände
einbogen. Er lief vor ihnen her und drehte den Arm wie
einen Windmühlenügel, als wollte er den zusammen-
gerollten Papierbeutel loswerden, den seine Faust um-
klammerte. Hinter ihm, am Ende der baumgesäumten
Straße (die Benzindünste lösten sich in den Bäumen
auf), lag das turmbewehrte gelbe State Hospital von
Worcester, ein staatliches Heim für Geisteskranke.
DAHIN WOLLEN SIE ALSO!
Aus der Dartmouth-Bibel: »Daniel, ein Pfeiler des
Glaubens in einer Zeit der Verfolgung. Wenige Bücher
des Alten Testaments sind so voller Rätsel wie das Buch
Daniel. Obwohl es einige der bekanntesten Geschichten
der Bibel enthält, wird in neun von den zwölf Kapiteln
von absonderlichen Träumen und Visionen berichtet,
die die Leser über Jahrhunderte verwirrt haben.«
Vielleicht sollte man mit dem Vorabend beginnen,
dem Abend vor dem Memorial Day, als das Telefon
klingelte. Als Daniel und seine kindliche Braut in ihrer
Wohnung in der 115th Street beim Sex waren. Die Mu-
sik der Stones durchhämmert die Luft wie der verstärkte
Puls meiner Erektion. Und ich habe sie endlich auf allen
vieren, kopfhängend in ihrer Jugend und Scham, das
herabgefallene blonde Haar über den Augen, und Trä-
nen gleiten wie Liebesperlen die langen blonden glat-
ten Haare hinab. Das Telefon will klingeln. Bei Phyllis
werden alle Hemmungen wach, wenn sie high ist. Sie
wird verkrampft und verletzlich, und unser Liebesspiel
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erniedrigt sie. Phyllis ist in einer Wohnung in Brooklyn
groß geworden, und ihr Hippieleben ist angenommen,
ist ein Prinzip. Ihre Friedensliebe ist ein Prinzip, ihr lan-
ges Haar, ihre Liebe zu mir – alles Prinzipien. Politische
Entscheidungen. Sie raucht Sto aus Prinzip, und da
habe ich sie dann. All ihre instinktiven unprinzipiellen
Meinungen steigen an die Oberäche, und sie nimmt
die Knie zusammen. Sie wird zu einer Sexmärtyrerin.
Ich glaube, deshalb habe ich sie überhaupt geheiratet.
Also, das Telefon macht Anstalten zu klingeln, und hier
erduldet die sanfte Phyllis aus Brooklyn wieder einmal
ein Eindringen, und ihr Folterer Daniel drückt zärtlich
ganze Händevoll weichen Hintern zusammen, während
er ihre Tugend erkundet, ihr Mutterloch, ihr Vakuum,
ihr Besiegbares, ihren Bottich, ihr Butterfass, und die
kleine Geographie der fernen Inselkette, die Geologie
der Drüsenformationen, Staliniten und Trotzkiten, die
Staliniten wachsen von oben herab, die Trotzkiten von
unten nach oben, oder ist es andersherum – und als wir
wohl gar nicht mehr weit sind von einer sehr harten
Entladung, ja, da klingelt das Telefon. Das Telefon klin-
gelt. Das Telefon. Ich glaube, es ist das Telefon.
Aber wie halte ich in dieser Szene PhyllisDrüsen-
schönheit fest, ihre spitze Nase und weiße Haut und
ihre hellen polnischen Augen? Oder ihren zu starken
Gri nach dem Leben, ein Charakteristikum der Teen-
agermädchen mit Highschoolbildung. Wie könnte die
Szene den Preis beinhalten, den alle Ehemänner für
ihre Exzesse bezahlen? Schon regen sich in dieser kaum
zwei Jahre alten Ehe die Formen meiner erschreckenden
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Gefälligkeit, die wie ein magisches Aquarell unter ihren
reibenden Händen zum Vorschein kommen. Und wenn
dies der erste Blick ist, den die Leute auf mich werfen,
wie errege ich dann Sympathie? Wenn ich das Zuschla-
gen des Unglücks zeigen will, in einem Augenblick, der
mir am wenigsten zur Ehre gereicht, warum beginne ich
da nicht mit der Ausleihe, mit Daniel, der die Ausleihe
durchforstet, auf der zu späten Suche nach einer Semes-
terarbeit.
Das Worcester State Hospital liegt abseits der Route 9
in Worcester, Massachusetts, auf der Spitze eines Hü-
gels, von dem aus Lake Quinsigamond zu überschauen
ist, ein See, auf dem wegen seiner Ruhe viele Ruder-
wettbewerbe stattnden. Das Hospital besteht eigent-
lich aus zwei Instituten, einem alten und einem neuen.
Das neue Institut weiter hinten zum Wald hin geht uns
nichts an. Da es dort keine Treppen und Stufen gibt,
ist es alten Patienten vorbehalten. Das alte Krankenhaus
entstand etwa zur Jahrhundertwende. Es wurde damals
mit der Vorstellung entworfen, dass Geisteskrankheiten
in einer Umgebung architektonischer Schönheit gemil-
dert werden könnten. Die Gebäude sind dunkles Vikto-
rianisch mit Torbogen, Eichentüren und altmodischen
Fenstern. Von besonderem Interesse ist weiterhin, dass
dieses Irrenhaus entgegen der allgemeinen Annahme
nicht überbelegt ist. Tatsächlich ist es bei Susans An-
kunft halb leer. Das liegt daran, dass wegen der mo-
dernen therapeutischen Methoden einschließlich Be-
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ruhigungsmitteln nicht jeder Verrückte aus Worcester,
Massachusetts, oder Umgebung gleich eingesperrt wer-
den muss. Heute werden nur noch die Patienten einge-
wiesen, die sich draußen nicht selbst versorgen können
oder die gefährlich sind. Doch selbst hier sind Wochen-
endbesuche zu Hause, wenn der Patient ein Zuhause
hat, und andere Privilegien vorgesehen. Entsprechend
der eorie, dass die normale Umgebung auf einen
Menschen therapeutisch wirkt. Auch entsprechend der
eorie, dass der Patient nach Hause möchte.
Daniel fand seine Schwester im Aufenthaltsraum für
Frauen. Die Wände dort sind gelb, ockerfarben und
braun. Die Decke ist braun. Die Stühle bestehen aus
dunkelgrünen Kunstledersitzen mit Beinen und Arm-
lehnen aus Chromröhren. Es gibt zwei Fernsehgeräte in
entgegengesetzten Ecken und ein Regal mit Magazinen.
Susan war die einzige Patientin im Raum. Eine Aufse-
herin in weißer Uniform mit weißen Socken, die ihre
Beine dicker wirken ließen, als sie wirklich waren, saß
mit ausgestreckten Beinen auf einem Stuhl neben der
Tür. Sie spielte mit ihrem Haar und las Modern Screen.
Liebt Dick seine Liz wirklich? Ich möchte meinen guten
Willen bekunden, indem ich diese Frage angehe. Ich
glaube nicht, dass er sie wirklich liebt. Ich glaube, er
mag sie. Ich glaube, es macht ihm Spaß, ihr ungeheuer
teure Sachen zu kaufen und sie gelegentlich im Bett zu
haben. Ich glaube, er liebt das Leben, die Aufmerksam-
keit der Kamera, die Gewichtigkeit jedes Furzes, den er
loslässt. Ich glaube, er liebt den Schwindel spektakulä-
ren Ausmaßes. Ich glaube, würden sie wegen ihres Le-
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bens vor Gericht gestellt, könnte er sie vielleicht doch
lieben.
Man hatte Susan in ein gürtelloses, kragenloses Kran-
kenhauskleid gesteckt, dazu trug sie weiche Hausschuhe.
Man hatte ihr die riesige Großmutterbrille fortgenom-
men, die immer die Weite ihrer Intelligenz zu betonen
schien und die Ehrlichkeit ihres Interesses an allem, was
sie anschaute. Sie blinzelte Daniel mit ihren schönen,
kurzsichtigen blauen Augen zu. Als sie ihn erkannte,
schaute sie ihn nicht länger an, sondern legte den Kopf
wieder gegen die Stuhllehne. Sie saß auf einem grünen
Kunstlederstuhl und hatte die Arme auf die Chromstüt-
zen gelegt und die Füße in den Hausschuhen ach auf
den Boden gestellt. Sie sah fürchterlich aus. Das dunkle
Haar war ihr auf eine Weise aus dem Gesicht gekämmt,
wie sie es selbst nie gemacht hätte. Sie teilte es stets in
der Mitte und band es hinter dem Kopf zusammen. Ihre
Haut wirkte eckig. Sie war nicht gerade klein, doch als
sie nun dasaß, wirkte sie klein. Ohne ihn anzusehen, hob
sie den Arm, und ihre Finger tippten in seine Richtung,
eine gelangweilte, lustige Geste, die sein Herz rührte;
und er nahm die ausgestreckte Hand in beide Hände und
dachte Oh, Schatz, mein armer Schatz, und küsste ihren
Handrücken und dachte Sie ist es, sie ist es immer noch,
egal was sie tut, und erst dann sah er vor seinen Augen die
festgeklebte Binde um ihr Handgelenk. Als er eine Zeit-
lang hingeschaut hatte, entzog sie ihm die Hand.
Zehn Minuten saß Daniel neben ihr. Er hatte sich
vorgebeugt und starrte auf den Fußboden, während
sie mit erhobenem Kopf und geschlossenen Augen da-
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saß. Die waren wie zwei Figuren eines Glockenspiels,
die ihre Haltung verändern würden, sobald die volle
Stunde schlug. Er glaubte zu wissen, was es war, die-
ses Gefühl des Überwältigtwerdens. Man erstickte. Die
ganze schreckliche Bürde. Er hatte solche Tiefpunkte er-
lebt. Alle Leute schauten einen seltsam an und sprachen
wie durch lange Korridore. Man wusste nicht, was man
tun sollte. Irgendetwas war zerrissen, Absichten vero-
gen, man vergaß, was man von seinem Leben erwarten
konnte. Man konnte nicht lachen. Man fürchtete sich
vor sich selbst, und es war eine so reine Angst, dass ein
Blick in den Spiegel das Herz verdorren und die Augen
zu Asche werden ließ.
Daniel musste geseufzt haben. Susan hob den Arm
und klopfte ihm leicht auf den Rücken. »Sie betrügen
uns noch immer«, sagte sie. »Machs gut, Daniel. Du
verstehst schon.«
Er hörte gut zu. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn
verabschiedet hatte. Er blieb noch eine Weile, aber sie
sagte nichts und nahm von ihm auch keine Notiz mehr.
Er starrte aus dem Fenster, wobei er sich mit der Schul-
ter gegen den Fensterrahmen lehnte. Das Fenster war
vergittert. Weiter unten am Hang sah er Phyllis mit dem
Baby spielen. Oben auf dem Hügel war eine Stützmauer
und dahinter ein Parkplatz voller pastellfarbener Wa-
gen. Gerade rollte ein dunkelblauer Chevrolet in sein
Blickfeld, den er als den Wagen der Lewins erkannte.
Dann konnte er nicht mehr viel sehen, weil ihm das
Oberteil der Säulenhalle vor dem Krankenhauseingang
die Sicht versperrte.

E. L. Doctorow
Das Buch Daniel

Roman

Aus dem Amerikanischen von Thomas Schlück


Hardcover
ISBN 978-3-03925-048-6
Seiten 501
Erschienen 26. Mai 2026
€ 29.00 / Fr. 32.00

Einer von Amerikas bedeutendsten Autoren.
— Barack Obama

Daniel Isaacson ist der Sohn jüdischer Eltern mit kommunistischer Überzeugung. Sie wurden der Spionage verdächtigt, in einem aufsehenerregenden Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der damals vierzehnjährige Daniel und seine neunjährige Schwester Susan wurden von Pflegeeltern adoptiert. Seither sind Jahre vergangen.
Der Roman spielt 1967 und beginnt mit Daniels Reise zu Susan, die nach einem Suizidversuch in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde. Ihre Verzweiflung zerstört Daniels bisherige Anstrengungen, die grauenvollen Kindheitserinnerungen zu verdrängen. Er versteht nun, dass er die Vorgänge um die Verdächtigung, die Verhaftung und Verurteilung seiner Eltern wieder aufrollen muss. Dabei gibt er sich nicht nur mit den Bildern zufrieden, die ihm aus der Kindheit im Gedächtnis geblieben sind. In seiner Spurensuche rekonstruiert er auch systematisch den Prozess und die Strategie des Verteidigers, prüft die Schuld der Personen, die seine Eltern denunziert hatten, und erforscht dabei das politische Bewusstsein seiner eigenen Generation.

E. L. Doctorow, der mit diesem Roman »in die erste Reihe zeitgenössischer amerikanischer Autoren aufgerückt ist« (New York Times), benutzt das historische Material des während der McCarthy-Ära geführten Prozesses gegen Ethel und Julius Rosenberg wegen angeblicher Atomspionage als Idee zu seinem fesselnden, auch heute wieder hochaktuellen Roman.

Der Roman wurde 1983 von Sidney Lumet unter dem Titel Daniel verfilmt.


Pressestimmen

Mein grösstes Vorbild.
— Daniel Kehlmann