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Lenos Verlag
Pic
Dante Andrea Franzetti
Das Bein ohne Mann
Erste Auflage 2011
Copyright © 2011 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Franziska Messner-Rast
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 412 3
Die Autoren und der Verlag danken dem Migros-Kulturprozent, der
Kulturförderung Kanton St. Gallen und der Fachstelle Kultur der Stadt
St. Gallen für die finanzielle Unterstützung bei der Realisierung dieses
Buches.
Das Bein ohne Mann
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Beginn einer Erzählfreundschaft 9
Dante Andrea Franzetti und Pic
Der Schreibtisch 13
Dante Andrea Franzetti
Der Übungsraum 19
Pic
Der Fehlpass 23
Dante Andrea Franzetti
Opening Night 29
Pic
Ich bin ein Abkömmling der Franken 35
Dante Andrea Franzetti
Meine Vorfahren waren Knechte und Matrosen 43
Pic
Beste Städte 47
Dante Andrea Franzetti
Krankenhausgeschichten 53
Pic
Mit Musik und Trauerrede 59
Dante Andrea Franzetti
Espenmoos 65
Pic
Gott ist rund 71
Dante Andrea Franzetti
Elsi 79
Pic
Zu jeder Zeit kann der Chef auftauchen 85
Dante Andrea Franzetti
Calme-toi! 93
Pic
8
ter 97
Dante Andrea Franzetti
Herr Scherzinger 103
Pic
Die Richter in meinem Leben 109
Dante Andrea Franzetti
Ärger und Ziegel 113
Pic
Das Messer begraben 117
Dante Andrea Franzetti
Dirigentenzimmer und Holzwagen … 121
Pic
Das Märchen von den drei Königen 125
Dante Andrea Franzetti
Betreibe alles Gute / Vermeide alles Böse … 135
Pic
Bericht aus Rom 139
Dante Andrea Franzetti
Fränzli 147
Pic
Ich bin ein Asozialer 151
Dante Andrea Franzetti
Er hat nur gelächelt! 155
Pic
Der kürzeste Tag 159
Dante Andrea Franzetti
Kleine Dinge … und die Bilder 163
Pic
Selbstbild 167
Dante Andrea Franzetti
9
Beginn einer Erzählfreundschaft
Dante Andrea Franzetti
Ich begegnete Pic in seinem weiträumigen, mit allerlei
Bühnengegenständen, Büchern, Bildern, Postkarten ziem-
lich ausgefüllten Atelier auf dem Hügel über St. Gallen An-
fang 2006. Es ging dabei um ein Porträt über den in ganz
Europa bekannten Clown, das ich für eine Illustrierte zu
schreiben hatte.
Es rde nicht bei diesem ersten Besuch bleiben, denn
ich hatte erkannt, dass Pic eine vielfältige Figur mit vielfäl-
tigen Begabungen ist: subtiler Clown, witziger Pantomime,
Maler und Zeichner, Sprachartist und, wie sich heraus-
stellen sollte, ein guter Schreiber.
Es gibt wenige Vorläufer dieses Buches, das ab Januar
2007 zu entstehen begann und im Frühsommer 2010 ab-
geschlossen wurde. Franz Hohler und Jürg Schubiger hat-
ten Hin- und Hergeschichten geschrieben, doch Pic und mir
schwebte anderes vor: Erzählungen sollten es auch sein, ge-
wiss, doch sollte es um die beiden Personen und Persönlich-
keiten gehen, die sich fortan vor allem über die Texte ken-
nenlernten, die sie sich gegenseitig als E-Mail zusendeten
und auf die sie jeweils reagierten.
Die Erzählfreundschaft, die sich dabei festigte, hing vor
allem von den Entdeckungen ab, die wir über den ande-
ren machten, denn wir trafen uns in den dreieinhalb Jahren
nur wenige Male und sprachen dabei über alles gliche,
meist jedoch nicht über unsere Texte. Die Zusammenarbeit
war ein überhaupt nicht selbstverständlicher Glücks-
10
fall, denn der eine musste sich ja an die Vorgaben des ande-
ren anschliessen, der andere den Aufforderungen des einen
nachkommen, und es musste alles im Fluss bleiben.
Das ist nur glich unter Personen, die genügend ge-
meinsame Interessen, aber auch markante Abweichungen
in ihrer Biographie aufweisen. So sind wir beide Künstler,
doch operiert der eine in der Abgeschiedenheit, sieht man
von einigen Lesungen ab, der andere steht auf der Bühne.
So sind wir beide Väter, doch zog gerade zu jener Zeit Pics
Tochter Jil von Hamburg nach St. Gallen, während meine
Söhne in Rom leben. So hegen wir beide eine Passion für
den Fussball, doch Pic hat einst auf relativ hohem Niveau
gespielt, während ich mich eher kulturell und soziologisch
r Calcio und weniger r das Fussballspiel selbst interes-
siere.
Bald wurde klar: Wir können uns ergänzen, und so gibt
es viele Texte in diesem Buch, die dasselbe Thema aus ver-
schiedenen Blickwinkeln beleuchten. Autor und Clown
haben dabei auch zufällige Gemeinsamkeiten entdeckt,
die erst durch das Schreiben hervorgetreten sind: Dass wir
beide eine je andere Beziehung zum Hotel Negresco in
Nizza haben. Dass wir uns oft mit den gleichen Schriftstel-
lern beschäftigt haben und oft dieselben, etwas geschwät-
zigen unter ihnen nicht mögen. Was als Erzählbegegnung
begann, wurde nach und nach zu einer Freundschaft, in
der man manchmal auch streitet und nach Abgrenzungen
sucht, dabei aber nie vergisst, dass die Gemeinsamkeiten
überwiegen.
11
Pic
Es stand eine Tournee an, und der Schriftsteller Dante An-
drea Franzetti kam für eine Illustrierte auf Besuch. Er hatte
als Vorbereitung auf unser Gespräch Ansichten eines Clowns
von Böll gelesen, was mir sogleich das Herz öffnete. Das
Porträt, das er über mich verfasste, gefiel mir gut, denn er
traf leicht und präzise hingeworfen Wesentliches, was
ich mit meiner Arbeit beabsichtige. Monate später trat er
mit der Idee der Schreibzuspiele an mich heran. Und er
meinte auch: Doch, doch, das kannst du. Ich hab es mir
überlegt – und fand es verlockend.
Anfangs dauerte es länger, bis die Antwort und Fort-
setzung kam. Mit der Zeit entstand eine Vertrautheit. Auf
Dantes Texte habe ich mich jeweils gefreut, ihn besser ken-
nengelernt und dabei von dem – gemeinsamen – Faible für
den Fussball erfahren, und dank seinen Flanken von Roms
Stadio Olimpico zum St. Galler Espenmoos konnte auch ich
einiges notieren.
Und dann mussten wir noch ein Foto machen für den
Buchumschlag, und Dante kam mit diesem scharfen Hut.
Ich hätte ihn umarmen gen. Vorher war Dante in Eile,
nachher gar nicht mehr: Gut hatte ich eine Flasche Ricard
im Übungsraum.
Zürich und St. Gallen, im Dezember 2010
13
Der Schreibtisch
Ich ging lange Zeit achtlos an dem Plakat vorbei. Bis ich
eines Morgens einer heranspringenden Dogge ausweichen
musste und danach hochblickte. »An welchem Ort halten
Sie sich am längsten auf? Und sind Sie dort glücklich?«,
fragte mich das Plakat. Der Reiseveranstalter wollte mir
einreden, es sei Zeit für einen Ortswechsel. In der Mitte des
grossformatigen Bildes: wen vor blauem Himmel, und
darunter, allerdings auf Englisch: »It’s time for a change«.
An welchem Ort hältst du dich am längsten auf, Pic? Ich
bin zum Schluss gekommen, dass es abgesehen vom Bett, in
dem ich manchmal gcklich einschlafe, manchmal unglück-
lich wach liege – mein Schreibtisch ist. Und wenn es so ist,
wird der Schreibtisch einiges über mich zu erzählen haben.
Mein Schreibtisch bildet den Buchstaben L, nur auf dem
Kopf, mit der Fussleiste, die nach links zeigt. Dieser r-
zere Teil steht vor einer Fensterfront zum Gartenplatz hin;
der längere streckt sich bis beinahe zur Mitte des Zimmers
aus. Ich kann bequem vom kürzeren zum längeren Teil des
Tisches gelangen, ohne vom Stuhl aufzustehen.
In der üblichen Sitzlage (zum Fenster hin) habe ich einen
Computer vor mir, dessen Farbe vorwiegend orange ist. Be-
sucher weisen mich manchmal darauf hin, dass dieser Apple
veraltet sei. Tatsächlich habe ich ihn zum halben Preis ge-
kauft, weil er im Geschäft als Ausstellungsmodell gedient
hat. Wenn ein solches Gerät verkauft wird, verschwindet
die Marke oder der Typ aus dem Sortiment. Mein Computer
war also schon alt, als ich ihn gekauft habe.

Dante Andrea Franzetti / Pic
Das Bein ohne Mann


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-412-3
Seiten 178
Erschienen März 2011
€ 23.80 / Fr. 29.80

Autorinnen und Autoren

Das Bein wird amputiert, danach soll es begraben werden. Seither ist der Mann ohne Bein, aber auch das Bein ohne Mann. Das ist nur eine der aberwitzigen Geschichten, die sich der Schriftsteller Dante Andrea Franzetti und der Clown Pic im Dialog hin- und herschieben. Entstanden ist ein Buch, das vom Privat- und Bühnenleben eines international bekannten Clowns erzählt, der mit den Zirkussen Roncalli und Knie in Europa herumgekommen ist, und das von der Lust, der Last und den Launen des Schriftstellers und früheren Italienkorrespondenten Franzetti berichtet.

Über dem Buch sind sich der Clown und der Dichter oft näher gekommen, als ihnen lieb war. »Pic, wie hältst du's mit der Religion?«, fragt der eine. »Dante, bist du wirklich mit einem Messer auf jemanden losgegangen?«, der andere. Was bedeutet es, wenn Bruder und Mutter sterben? Wie kann man ein guter Vater sein, wenn man als Künstler immer woanders ist? Wo versteckt sich das Glück, wie entkommt man dem Pech? War da noch was? Ja, der FC St. Gallen und das Stadion Espenmoos. Die S.S. Lazio, der azurblaue Club in Rom. Ein Brand im Zirkuswagen. Der Pierrot lunaire. Der Vorfahre und Dichter Ceccolino Francieto.

Witzig, melancholisch, menschenfreundlich: ein Buch, das Leserinnen und Leser anrührt und anregt, mal heiter, mal nachdenklich stimmt.