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LP 249
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Ghassan Kanafani
Bis wir zurückkehren
Palästinensische Erzählungen
Aus dem Arabischen
von Hartmut Fähndrich
Lenos Verlag
Der Autor
Ghassan Kanafani wurde 1936 in Akka geboren. 1948 wurde seine Familie
durch die Besetzung der Israelis vertrieben. Als Flüchtling lebte Kanafani
zunächst im Libanon, später während längerer Zeit in Damaskus, wo er seine
Schulbildung abschloss und einige Zeit als Lehrer arbeitete. 1956 ging er als
Sport- und Zeichenlehrer nach Kuwait. 1960 zog er nach Beirut, wo er in
der Folgezeit bei mehreren Zeitungen arbeitete und schließlich Sprecher von
George Habaschs Volksfront für die Befreiung Palästinas war. 1972 wurde er
in Beirut durch eine Bombe getötet, die an seinem Wagen angebracht war.
Der Übersetzer
Hartmut Fähndrich, geboren 1944 in Tübingen. Studierte Vergleichende
Literaturwissenschaft und Islamwissenschaft in Deutschland und in den
Vereinigten Staaten. 1978 bis 2014 Lehrtätigkeit an der ETH Zürich. Über-
setzte zahlreiche Werke aus dem Arabischen ins Deutsche und wurde dafür
mehrfach ausgezeichnet. Lebt in Bern.
Die vorliegende Auswahl wurde aus
al-Āt
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ār al-kāmila II. al-qis
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al-qas
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entnommen.
Copyright © 1973 by Anni Kanafani,
The Ghassan Kanafani Cultural Foundation, Beirut
LP 249
Zweite Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
1984 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: AbigailJ/Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 849 7
Inhalt
Mitte Mai 7
Bis wir zurückkehren 15
Ein Toter in Mosul 23
Sechs Adler und ein kleiner Junge 37
Unsicherer Grund 47
Nur zehn Meter 55
Der steinerne Löwenkopf 63
Ein einziger Glaskasten 81
Seine Arme, seine Hände, seine Finger 95
Acht Minuten 103
Die Sklavenfestung 115
Durst 123
Die Sterndeuterstadt 129
7
Mitte Mai
Lieber Ibrahim!
Ich weiß nicht, wem ich diesen Brief schicken soll. Ich
hatte dir ja versprochen, immer Mitte Mai einige Anemo-
nen auf dein Grab zu streuen. Nun ist wieder Mitte Mai,*
und ich habe auch nicht eine einzige Anemone nden
können. Und hätte ich welche gefunden … wie wäre ich
zu deinem Grab gekommen, um sie dir zu bringen? Zwölf
Jahre sind vergangen; ich glaube, du bist weit weg von
allem. Und je tiefer du in der Erde versinkst und dich auf-
löst, desto tiefer versinkst du auch in unserer Erinnerung
und verschwindest. Deine Züge, ja, sogar an deine Züge
erinnere ich mich nicht mehr genau. Ich weiß nicht mehr,
wie deine Stimme klang. Ich erinnere mich nicht mehr,
wie deine Augen leuchteten. Und es fällt mir schwer, mir
deine Bewegungen zu vergegenwärtigen. Alles, was mir
von dir noch in Erinnerung ist ein steifer Körper, die
Hände auf der Brust; ein dünner Faden Blut zwischen
Mundwinkel und Ohr. Ganz klar erinnere ich mich, wie
sie dich hinaustrugen und dich vollständig bekleidet ins
Grab legten, wie sie das Grab dann zuschütteten und wie
die Gefährten trotzig schwiegen – nur eine schmerzvolle,
klagende Stimme erhob sich hinter uns und erstarb dann.
Man kann jetzt wirklich fragen: Warum schreibe ich
dir? Hätte ich nicht, da ich es nicht einmal schate, dir
* Auf den 15. Mai 1948 erklärten die Briten ihr Palästina-Mandat
für erloschen. Daraufhin erfolgte am 14. Mai die Proklamation des
Staates Israel.
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Blumen ans Grab zu bringen, am besten weiter geschwie-
gen, wie ich es seit zwölf Jahren tue? Doch mir scheint,
dass ich unmöglich weiterhin schweigen kann. Mitte Mai
verspüre ich einen Druck auf der Brust. Es kommt mir
vor, als habe ein verrücktes Schicksal einst einen Fehler
gemacht und dich statt meiner getötet.
Die Fäden der Geschichte haben begonnen, sich in
meinem Kopf aufzulösen; ich fürchte, alles zu vergessen.
Kannst du dir das vorstellen? Wirklich, ich fürchte, alles
zu vergessen. Vielleicht hast du ja schon alles vergessen.
Was könnte dich davon noch interessieren? Doch ich will
dir – und auch mir – helfen, die Fäden aufs Neue zu ver-
weben.
Die meisten Geschichten haben keinen Beginn. Merk-
würdigerweise jedoch besitzt unsere gemeinsame Ge-
schichte einen klaren Anfang. Ja, ich könnte fast schwö-
ren, dass ihr Anfang so eindeutig ist, dass man sie als ein
von den übrigen Ereignissen unseres Lebens unabhängi-
ges Kapitel betrachten kann.
Es war an einem Spätnachmittag. Wir standen, du und
ich, neben dem großen, als Bank dienenden Stein vor
dem Haus deines Großvaters. Wir hatten begonnen, uns
im Umgang mit Waen zu üben. Bis zu jenem Zeitpunkt
hatten uns leere Konservendosen und alte Ölkanister als
Zielscheiben gedient. Wenn mich mein Gedächtnis nicht
trügt, hatten wir wohl auch zwei oder drei Mal auf Gas-
lampen geschossen.
Ja, es war am Nachmittag. Ich hebe das nochmals her-
vor, denn ohne das Licht des Nachmittags wäre das Bild
nicht vollständig. Wir standen neben dem großen Stein.
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»Hast du nicht Lust, dich zu rächen?«, hörte ich dich
plötzlich fragen; dann lachtest du mehrmals kurz auf.
»An wem?«, fragte ich zurück.
Du hobst die Hand und zeigtest mit dem Finger auf
die Mauer gegenüber. Dein Lachen vermischte sich mit
deiner Antwort: »An der Katze, die sich ein Taubenpär-
chen aus dem Schlag geholt hat.«
Jetzt lachte ich auch. Ich erinnerte mich, wie diese
veruchte geeckte Katze in zwei aufeinanderfolgenden
Nächten in den Taubenschlag im Garten eingedrungen
war und eines der schönsten Taubenpärchen geraubt
hatte, die mein Großvater mit Hingabe züchtete.
Ich war noch unentschlossen, als ich dich nochmals
sagen hörte: »Ich erschieße sie schon, wenn dich der Mut
verlässt.«
Du legtest dein Gewehr an und drücktest ab. Ein
merkwürdiger Geruch breitete sich aus, und durch den
Rauch hindurch sahen wir die arme Katze entsetzt nach
hinten springen. Dann jagte sie auf die Mauer des Nach-
bargartens, blieb sprungbereit darauf sitzen und starrte
erschreckt auf den Teil der Mauer, aus dem die Kugel ein
Stück herausgeschlagen hatte.
Ich weiß nicht, welcher Teufel mich rufen ließ: »Dane-
ben … jetzt werde ich mein Glück versuchen.«
Ich erinnere mich noch, wie ich auf ihren Kopf zielte.
Als ich sie durch das vordere Visier da auf der Mauer
hocken sah, überlief mich ein Schauer. Das Visier ver-
schwamm einen Moment. Die Katze blickte sich noch
immer angstvoll und erschreckt um, forschte, woher Ge-
fahr drohe; ihr Schwanz schlug regelmäßig nieder, ihre
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Ohren hoben und senkten sich. Einen Augenblick später
hatte ich sie mitten im Visier. Ich drückte ab, die Kugel
traf sie in den Kopf. Sie überschlug sich. Ihre Beine ver-
krampften sich zuckend in der Luft. Dann el sie auf die
Seite. Blut quoll hervor.
Du hast mich zu ihr hingeführt, hast sie mit dem Ge-
wehrlauf umgedreht und gerufen: »Ein Meisterschuss!
Mitten in den Kopf ! Du hast sie beim Denken gestört.«
Doch da hatte ich mich schon erbrochen Danach
lag ich über zwei Wochen im Bett.
Als du mich etwas später besuchtest, fragtest du la-
chend: »Was ist los? Die räuberische geeckte Katze
Hat sie dich so fertiggemacht? Das ist ja lächerlich. Hast
du dich denn nicht für Kämpfe vorbereitet, in denen wir
Männer, nicht Katzen umbringen?«
Ich schämte mich und irgendwie kam dann die
Lüge zustande: »Die Katze? Du bist verrückt Ich
habe schon als Kind Katzen mit Steinen umgebracht.
Nein, nein. Mir ist beim Schießen der Gewehrschaft
ausgerutscht und hat mir gegen den Hals gedrückt.
Darum habe ich mich erbrochen. Krank war ich schon
vorher
Ob du dich durch diese Lüge hast täuschen lassen? Ich
weiß es bis heute nicht. Doch damals hat mich beruhigt,
dass du am Abend wiedergekommen bist. Du hast mir
ins Ohr geüstert, ich solle mich bis in zwei Tagen für
einen Anschlag bereithalten.
Im Auto, das uns in die nahe gelegene Siedlung
brachte, hast du wie üblich gesungen, während ich noch
immer unter dem Druck der Ereignisse stand.
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Plötzlich hast du mich geboxt, um meinen Blick auf
die Felder zu lenken, denen der Mai die Farbe neuen
Lebens gegeben hatte: »Das sind Anemonen. Wir haben
darin immer nach hübschen farbigen Käfern gesucht.
Tausend rote Anemonenblüten haben wir zerrupft, um
einen einzigen Käfer zu nden. Mein Gott! Ich wäre so
froh, wenn du mir versprechen könntest, jedes Jahr im
Mai einen Strauß Anemonen an mein Grab zu bringen.
Versprichst du mir das?«
»Sei nicht albern! Aber wenn du dann aufhörst, davon
zu reden, verspreche ichs dir
Das Lachen erstarb auf deinem Gesicht. Du hast dein
Gewehr noch fester an dich gedrückt und leise, aber be-
deutungsschwer gesagt: »Danke.«
Gegen Mittag stiegen wir inmitten der Felder der Sied-
lung aus. Unser Vorhaben war waghalsig, aber durchführ-
bar. Wir sollten in die am Rand der Siedlung gelegenen
Häuser eindringen und sie sprengen, danach in unsere
Dörfer zurückfahren.
Doch dann kam alles anders. Die Juden überraschten
uns auf ihren Feldern. Ein heftiger Kampf entbrannte.
Ich stand neben dir. Ich schoss, wohin es gerade kam.
Wir sahen niemanden, auf den wir hätten zielen können.
Gleichzeitig krochen wir zwischen Gestrüpp und Ge-
treide hindurch. Ob ich damals Angst hatte? Ich weiß es
nicht mehr. Aber dieser Jude, der ganz plötzlich direkt
vor uns stand, lähmte mein Denken. Er hatte eine Hand-
granate bei sich, die er auf uns warf. Und während der
Rauch uns die Sicht nahm, hörte ich dich rufen: »Bring
ihn um. Mein Gewehr hat Ladehemmung.«
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Der Rauch verzog sich. Der Jude stand noch immer
da und spähte nach uns, eine weitere Granate in der
Hand. Durchs Visier sah ich ihn dort stehen, Entsetzen
im Blick. Einige Augenblicke vergingen, ohne dass ich
abzudrücken vermochte. Ich zitterte. Das Ziel blieb in
meinem Schussfeld stehen. Ich beobachtete ihn durchs
Visier, sah, wie er dich entdeckte, die Handgranate auf
dich warf und davonrannte.
Wir brachten dich ins Dorf zurück, wo man dich voll-
ständig bekleidet begrub, wie Kämpfer begraben werden
müssen. Hinter den Kameraden weinte deine Mutter,
während ich zutiefst beschämt auf die taufeuchte
Erde einen Strauß Anemonen verstreute, die ich auf dem
Rückweg gepückt hatte.
Zwölf Jahre sind seit jenem Tag vergangen. Meine
Schmach verfolgt mich. Jeden Mai lastet sie auf mir wie
ein erbarmungsloser Albdruck.
Die Frage, die mein Gehirn aufwühlt, lautet: Warum
denke ich jetzt an dich? Warum schreibe ich dir? Wäre es
nicht das Beste für mich, ich schwiege weiterhin??
Nein, ich kann nicht. Die Zeit vergeht. Du versinkst
immer tiefer in der Erde, und ich fürchte, ich vergesse
dich. Doch ich will dich nicht vergessen. Trotz aller
Qualen, die die Erinnerung mit sich bringt. Vielleicht
vermögen es diese Qualen, mich eines Tages an dein
Grab zu führen und einige Anemonen daraufzu-
streuen.
Ich weiß nicht, wie viel weiter ich inzwischen gekom-
men bin. Ob ich heute, ohne zu zittern, einen Juden tö-
ten könnte? Ich bin älter geworden. Und das Leben im
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Lager hat mich härter gemacht. Doch Gewissheit hat mir
all das nicht gebracht.
Meine einzige Gewissheit ist die, dass ich die Schmach
an mir haften spüre, bis tief ins Mark. Ob das genügt?
Ich glaube, ja. Die Katze, die ich erschossen habe, hat
lediglich ein Taubenpärchen gestohlen, um es zu fressen.
Sie hat es bestimmt aus Hunger getan. Heute sehe ich
Tausende hungernder Männer und Frauen vor mir, und
gemeinsam stehen wir einem Räuber gegenüber, der uns
alles gestohlen hat.
Hat mich das mein Schweigen aufgeben und mich dir
gegenüber aufrichtiger sein lassen? Du wirst mir mein Ge-
ständnis verzeihen. Nun habe auch ich herausgefunden –
du musstest es schon vor langer Zeit herausnden –, wie
notwendig es ist, dass einige Menschen dafür sterben,
dass die andern leben. Das ist eine uralte Weisheit. Doch
das Wichtigste daran ist, dass ich ab jetzt danach lebe.
Kuwait 1960

Ghassan Kanafani
Bis wir zurückkehren

Palästinensische Erzählungen

Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich


LP 249
Paperback
ISBN 978-3-85787-849-7
Seiten 137
Erschienen 9. Dezember 2025
€ 16.00 / Fr. 16.00

Erzählungen, in denen im palästinensischen Leid auch allgemein menschliches Leid erkennbar wird.
— Deutsche Welle

In den Erzählungen, die in den Jahren 1957–1963 entstanden, berichtet Ghassan Kanafani eindrücklich über das Leben im Exil und über das Fremdsein als menschliche Grunderfahrung. Es geht um persönliche Isolation, um die Hilflosigkeit in einer Welt, die nicht mehr die eigene ist, um die vielfältigen Erinnerungen an die verlorene Heimat.

Ghassan Kanafanis literarisches Werk widerspiegelt überzeugend seine Lebenserfahrungen, die eng mit der leidvollen Geschichte Palästinas verknüpft sind. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des palästinensischen Widerstands.


Pressestimmen

Es gehört zu Kanafanis Talent, dass er auch dort, wo die Geschichten voll explosiver Politik sind, stets einem menschlichen, fast privaten Schicksal nachgeht und sich jeden Urteils enthält.
— Rudolf Bussmann, Schweizer Radio DRS
Man erhält Einblick in jene Welt, die eine verlorene ist und doch noch immer die Hoffnung auf Rückkehr nährt, in Familien, die der Krieg auseinandergerissen oder dem Tod überantwortet hat, in Seelen von Kindern, die ihrer Jugend beraubt worden sind, in Gemüter von alten Menschen, deren Menschlichkeit aus den Fugen geraten ist. Und es ist vor allem auch eine Männerwelt, die sich hier eröffnet, eine traurige, frauenlose Welt, voller Gier nach Geborgenheit, die am falschen Ort erhofft und deshalb auch nicht gefunden wird.
— Neue Zürcher Zeitung

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