LENOS
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LP 256
»Holland, das ist Wasser. Holland, das ist ein Blumenbeet. Holland,
das ist Weideland«: Dies ist nur einer der Eindrücke, die Karel Čapek
bei seiner Reise in die Niederlande gewann. Den Anlass dazu bot ihm
der PEN-Kongress, der im Juni 1931 in Den Haag stattfand. Als all-
seits gefeierter Autor war Čapek Vorsitzender des tschechoslowaki-
schen PEN-Clubs und führte dessen Delegation an.
In der Folge notierte er auf seinen Streifzügen, was er an Eigentüm-
lichem vorfand: seien es die Windmühlen, Kanäle und Grachten, die
ache Landschaft, das geschäftige Treiben an den Häfen, die Kom-
paktheit der Architektur oder die altniederländischen Meister von
Vermeer bis Rembrandt, die ihn besonders faszinierten. Die in der
Brünner Tageszeitung Lidové noviny als Feuilletons veröentlichten
Texte illustrierte er mit treenden Zeichnungen.
Mit dem ihm eigenen Blick für das scheinbar Nebensächliche erweist
sich Karel Čapek als Meister der genauen Beobachtung, und in den
abschließenden Gedanken zu einer europäischen Einigung zeigt sich
sein geradezu visionärer Geist.
Karel Čapek
Bilder aus Holland
Aus dem Tschechischen
von Herbert Roch und Christoph Blum
Mit 48 Zeichnungen des Autors
Lenos Verlag
Der Autor
Karel Čapek (1890–1938) war einer der wichtigsten tschechischen
Autoren des 20. Jahrhunderts. Er verfasste zahlreiche Romane (u. a.
Der Krieg mit den Molchen), Dramen (u. a. R. U. R.), Erzählungen,
Essays, Reiseberichte und Kinderbücher. In seinen Werken warnte
er wiederholt vor totalitären Regimen und übermächtigen Industrie-
konzernen. Zu seinen Ehren vergibt der tschechische PEN-Club seit
1994 alle zwei Jahre den Karel-Čapek-Preis.
Titel der tschechischen Originalausgabe:
Obrázky z Holandska
erschienen 1932 bei Fr. Borový-Aventinum, Prag
Die deutsche Erstausgabe erschien unter dem Titel
Liebenswertes Holland. Erlebnisse einer Reise
1954 im Gebrüder Weiss Verlag, Berlin-Schöneberg.
LP 256
Erste Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
2026 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagillustrationen: Karel Čapek
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 856 5
www.lenos.ch
Inhalt
Vorwort 7
Über das Bekanntwerden mit fremden Ländern 10
Über die niederländischen Städte 11
Grachten und Kanäle 17
Alte Städte 22
Von Stadt zu Stadt 26
Mensch und Wasser 30
Am Strand 33
Häfen 37
Auf verschiedenen Wegen 41
Das holländische Licht 46
Pastorale 47
Oud Holland 52
Das neue Holland 59
Alte Meister 62
Einige Gesichter 68
Auf den Spuren des Doppeladlers 76
Eine kleine Nation 83
Anhang: Naarden 91
Anmerkungen 95
7
Vorwort
Karel Čapek bereiste die Niederlande aus Anlass des
9.
PEN-Kongresses, der vom 21. bis 26. Juni 1931 in
Den Haag stattfand. Er selbst stand dem tschechoslo-
wakischen
PEN seit dessen Gründung im Jahr 1925 vor
und führte dessen Kongressdelegation an. Seine hier ver-
sammelten Texte wurden samt Zeichnungen im August/
September 1931 zuerst in den in Brünn erscheinenden
Lidové noviny abgedruckt, bei denen er seit 1921 als Re-
dakteur tätig war. Lediglich die letzten beiden – nicht-
illustrierten – Kapitel wurden zunächst in der Kultur-
zeitschrift Přítomnost veröentlicht, bevor Čapek sie
zusammen mit Ersteren 1932 unter dem Titel Obrázky z
Holandska bei Borový-Aventinum, Prag, als Buch heraus-
brachte. Eine deutsche Übersetzung von Herbert Roch
erschien 1954 unter dem Titel Liebenswertes Holland. Er-
lebnisse einer Reise beim Gebrüder Weiss Verlag in Ber-
lin-Schöneberg. Auszüge fanden zudem Eingang in die
1978 vom Aufbau-Verlag Berlin und Weimar aufgelegten
Reisebilder, übersetzt von Gustav Just. In Rochs Überset-
zung fehlt ein Großteil des Kapitels »Einige Gesichter«*
und somit jeder Hinweis auf den
PEN-Kongress. Für die
vorliegende Ausgabe wurden diese und andere fehlende
* In der tschechischen Originalausgabe sowie in der deutschen Über-
setzung von 1954 steht dieses Kapitel am Anfang des Buches. Für die
Neuausgabe wurde es – vervollständigt – hinter die landeskundlichen
Kapitel verschoben, die schon 1931 in der Zeitung eine Einheit ge-
bildet hatten.
8
Stellen ergänzt, Fehlerhaftes korrigiert und die gesamte
Übersetzung im Hinblick auf eine größere Originaltreue
überarbeitet.
Dem informativen Nachwort von Kees Mercks in der
niederländischen Übersetzung Prenten van Holland (Ant-
werpen: Voetnoot 2009) verdanke ich den Hinweis auf
einen weiteren Text, »Naarden«, den Karel Čapek im Zu-
sammenhang mit seiner Reise verfasste und am 18. Juli
1931 in den Lidové noviny veröentlichte, aber für die
Buchausgabe nicht berücksichtigte. Dieser sei als Anhang
wiedergegeben.
In einer kurzen Notiz resümierte Čapek am 25. Juli
1931 in seiner Zeitung:
»Der Kongress des
PEN-Clubs in Den Haag, der
Ende Juni unter Beteiligung von mehr als dreihun-
dert Delegierten und Gästen stattfand, verabschie-
dete die Statuten der internationalen Organisation
der
PEN-Clubs; in ihnen die wichtigste Verpich-
tung, dass die
PEN-Clubs sich stets für kulturelle
Zusammenarbeit und Toleranz der Nationen ein-
setzen werden. Mehr als durch formale Statuten
oenbarte sich der Geist der
PEN-Clubs beim
Festbankett in Scheveningen, wo unter lebhafter
Zustimmung aller zwei Deutsche, Felix Salten**
und eodor Däubler, klar und verbindlich die ak-
tuellste kulturelle Aufgabe der Gegenwart formu-
lierten: die Annäherung zwischen Frankreich und
** Anmerkungen zu Namen und ausgewählten Begrien ab Seite 95.
Deutschland. Diese Stimmen der kulturellen Deut-
schen dürfen im heutigen politischen Lärm nicht
untergehen – insbesondere in Deutschland nicht.«
Christoph Blum
Basel, im August 2026
10
Über das Bekanntwerden mit fremden Ländern
Die Mehrzahl der modernen Reisenden durchquert
fremde Länder in einer Richtung, die dem Gang der Ge-
schichte sozusagen zuwiderläuft. Gewöhnlich bildet der
Hauptbahnhof der Hauptstadt den Ausgangspunkt all
ihrer Unternehmungen; und je ältere Dinge ein Ort auf-
zuweisen hat, mag es sich dabei um Kirchen, Kunstwerke
oder Amsterdamer Juden handeln, umso später gelangen
sie hin, und erst kurz vor der Abreise vernehmen sie etwas
von der wirklichen Stimme des Landes – dem Gemuhe
buntscheckiger Kühe oder dem Knarren einer Wind-
mühle. Und so besteht ihr erster Eindruck auch meistens
darin, dass alle Gegenden der Welt einander gleichen (bis
auf die verdammten Währungen); und erst zum Schluss
merken sie, dass jede Gegend ihre besonderen Reize und
Schönheiten hat; aber gewöhnlich gelangen sie zu die-
ser Feststellung erst, wenn es bereits zu spät ist, wenn sie
schon wieder am Hauptbahnhof der Hauptstadt stehen
und in den Zug einsteigen und zu vergessen beginnen,
was sie gesehen haben.
11
Über die niederländischen Städte
Um der Reihe nach vorzugehen, muss ich berichten,
dass der erste rein holländische Eindruck, den man emp-
fängt (abgesehen von diesen grünen Lokomotiven mit
dem messingglänzenden Helm auf dem Rücken), aus
Ziegelsteinen besteht. Und Fenstern. Und insbesondere
aus Fahrrädern. Und dann wieder aus Ziegelsteinen und
Fenstern. Diese Ziegelsteine bilden die Lokalfarbe Hol-
lands: eine grüne Landschaft mit Häuschen aus kleinen
roten Ziegeln mit weißen Fugen, Häuschen mit großen,
hellen Fenstern und eine grüne Landschaft, durch welche
geziegelte Wege führen, auf denen Fahrräder leise von
einem roten Häuschen zum anderen gleiten; und diese
Häuschen bestehen, abgesehen von den roten Ziegeln,
hauptsächlich aus Fenstern, aus lauter Fenstern, sauber
und groß, mit weißen Rahmen und den verschiedensten
Unterteilungen und Dimensionen. Ich will hier gleich
mit Nachdruck darauf hinweisen, dass die niederländi-
schen Baumeister den größten Wert auf Fenster legen:
Eine Wand ist eine Wand, aber ein Fenster ist eine Ö-
nung, eine schöpferische Angelegenheit, die größer oder
kleiner, breiter oder höher sein kann, und damit sind die
individualistischen Bedürfnisse dieses Landes fast schon
befriedigt.
Und dann die Fahrräder. Ich habe schon allerhand
gesehen, aber nirgends so viele Fahrräder wie beispiels-
weise in Amsterdam; es sind nicht nur viele einzelne
Fahrräder, sondern sie bilden eine Art Kollektivwesen
13
und treten in ganzen Schwärmen, Herden und Hau-
fen auf wie Bakterien, Infusionstierchen und Fliegen;
das Schönste daran ist, wenn ein Schupo den Fahrrad-
strom kurz aufhält, um die Fußgänger über die Straße
zu lassen, und dann den Weg großzügig wieder frei-
gibt: Im selben Augenblick schießt ein ganzer Radfah-
rerschwarm vorwärts, allen voran ein paar besonders
Eilige und Schnelle, und tritt mit der phantastischen
Geschlossenheit eines Mückentanzes weiter in die Peda-
len. Kenner der örtlichen Verhältnisse behaupten, dass
es gegenwärtig zwei und eine halbe Million Fahrräder
in den Niederlanden gebe, was nichts anderes heißt, als
dass auf drei Einwohner ein Fahrrad kommt, Säuglinge,
Seeleute, die königliche Familie und die Insassen von
Armenhäusern dazugerechnet. Ich habe sie zwar nicht
gezählt, hatte aber den Eindruck, als müssten es noch
etwas mehr sein. Mir wurde gesagt, dass man sich nur
einfach auf ein Fahrrad zu setzen brauche und schon
fahre es von selber los; so eben und glatt ist dieses
Land.
Ich sah Nonnen auf Rädern und Bauern auf Rädern,
die eine Kuh hinter sich herzogen; man steigt auch nicht
erst ab, um einen Happen zu essen, und fährt Kinder
und Hunde mit dem Fahrrad spazieren, und Liebespaare
radeln Arm in Arm einer wonnigen Zukunft entgegen;
ich sage euch, das ist ein Volk auf Rädern. Wo das Fahr-
rad eine solche enorme Rolle im nationalen Leben spielt,
darf man sich mit Recht fragen, was für Auswirkungen es
auf den Nationalcharakter haben möge. Ich persönlich
würde sagen, dass:
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1. ein Mensch auf dem Fahrrad sich daran gewöhnt,
auf sich selbst aufzupassen und nicht mit dem Fahrrad
eines anderen in Kollision zu geraten;
2. er nur auf seine Gelegenheit wartet und sofort in
die Pedale tritt, sobald sich ihm der geringste freie Raum
bietet;
3. er vorwärtskommt, ohne dass er sich allzu sehr da-
bei anstrengen muss und ohne viel Wesens davon zu ma-
chen;
4. obwohl er mitunter paarweise oder mit einer
Menge anderer zusammen fährt, der Mensch auf dem
Fahrrad doch isolierter und mehr in sich gekehrt ist als
ein Fußgänger;
5. Fahrräder eine Art Gleichheit und Gleichförmig-
keit unter den Leuten schaen;
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6. es sie lehrt, sich auf das Gesetz der Trägheit zu ver-
lassen,
7. und es in ihnen einen Sinn für Stille erzeugt, als
wären sie in Watte gepackt.
So schmeichelhaft, wie ich eben von Fahrrädern ge-
sprochen habe, denke ich in Wirklichkeit gar nicht dar-
über; und da sie mir jetzt nichts mehr anhaben können,
erkläre ich in aller Oenheit, dass ich sie gar nicht ge-
16
mocht habe, weil für mich etwas Unnatürliches darin
liegt, dass ein Mensch zugleich sitzt und geht. Die Ge-
wohnheit, im Sitzen vorwärtszukommen, kann nämlich
Einuss auf das Tempo und die Entwicklung einer Na-
tion haben. Man kann langsam treten und trotzdem rasch
vorankommen. Das merkt man, wenn man bedenkt, wie
weit die Holländer es gebracht haben, obwohl sie fast wie
in Zeitlupe treten. Aber ich, armschwingender Fußgän-
ger, der ich bin, werde mich, was ihre Fahrräder angeht,
nicht weiter einmengen; möge jede Nation ihrem Stern
folgen, mit welchen Mitteln auch immer.
Noch etwas anderes fällt einem auf den niederländi-
schen Straßen auf: die Hunde. Sie tragen keine Maul-
körbe; infolgedessen scheinen sie dauernd im Begri zu
stehen, fast laut herauszulachen, auch balgen und beißen
sie sich nicht und knurren sich auch nicht mit jener mit-
teleuropäischen Gereiztheit an; was nur zeigt, dass Frei-
heit ohne Maulkorb nicht für die Katz ist, sondern für
den Hund und für uns Menschen und dass sie ein her-
vorragendes Gottesgeschenk ist, amen.

Karel Čapek
Bilder aus Holland

Aus dem Tschechischen von Herbert Roch und Christoph Blum
Mit 48 Zeichnungen des Autors


LP 256
Paperback
ISBN 978-3-85787-856-5
Seiten 99
Erschienen 8. September 2026
€ 12.00 / Fr. 14.00

Ausgaben
Paperback (2026)
Erstmals vollständig auf Deutsch

»Holland, das ist Wasser. Holland, das ist ein Blumenbeet. Holland, das ist Weideland«: Dies ist nur einer der Eindrücke, die Karel Čapek bei seiner Reise in die Niederlande gewann. Den Anlass dazu bot ihm der PEN-Kongress, der im Juni 1931 in Den Haag stattfand. Als allseits gefeierter Autor war Čapek Vorsitzender des tschechoslowakischen PEN-Clubs und führte dessen Delegation an.
In der Folge notierte er auf seinen Streifzügen, was er an Eigentümlichem vorfand: seien es die Windmühlen, Kanäle und Grachten, die flache Landschaft, das geschäftige Treiben an den Häfen, die Kompaktheit der Architektur oder die altniederländischen Meister von Vermeer bis Rembrandt, die ihn besonders faszinierten. Die in der Brünner Tageszeitung Lidové noviny als Feuilletons veröffentlichten Texte illustrierte er mit treffenden Zeichnungen.
Mit dem ihm eigenen Blick für das scheinbar Nebensächliche erweist sich Karel Čapek als Meister der genauen Beobachtung, und in den abschliessenden Gedanken zu einer europäischen Einigung zeigt sich sein geradezu visionärer Geist.


Pressestimmen

Ein kluges Büchlein mit ganz einmaligen köstlichen Zeichnungen. Der Verfasser hat Augen und Ohren aufgemacht, und sein humanistisch geschulter Geist lässt das alte und neue Holland, seine Städte und Häfen, die Kunst seiner grossen Meister lebendig werden.
— Borromäusverein

Ausserdem lieferbar