LENOS
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Luna steckt in einer Sinnkrise. Sie ist süchtig nach dem Leben, und
doch gibt es da diese Todessehnsucht in ihr. Verloren in der Groß-
stadt zwischen Literaturstudium und langen Abenden in der Bar
Bermuda, üchtet sie sich in ihre Fantasiewelt. Immer häuger wird
sie von quälenden Gedanken und Visionen verfolgt. Das beharrliche
Schweigen ihres Vaters über den Suizid seiner ersten Frau lässt sich
nicht verdrängen. Luna spürt unerträgliche Schuldgefühle und eine
wachsende, unbestimmte Wut. Langsam verwischen die Grenzen
zwischen Realität und Fiktion.
Die verzweifelten Versuche, in ihrer unglücklichen Liebe zu Leo,
ihrem geduldigen bisherigen Lover, Halt zu nden, scheitern. Mit
ausgewählten, wechselnden Datingpartnern testet Luna die Reak-
tionen, die sie auf ihre provokativen Fragen bekommt. Bis sie den
faszinierenden »Psychomann« kennenlernt. Er schleust sie als Pro-
bandin in ein Virtual-Reality-Experiment ein, das ihr Leben auf den
Kopf stellt.
Überzeugend, spannend und mit der nötigen Ironie erzählt Valeska
Marina Stach vom Prozess der Selbstermächtigung einer jungen
Frau in einer Welt, in der das familiäre Schweigen über traumatische
Geschehnisse alltäglich ist.
Lenos Verlag
Valeska Marina Stach
Bermuda
Roman
Unterstützt auf Empfehlung des Fachausschusses Literatur BL/BS
Erste Auflage 2026
Copyright © 2026 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Coveridee: Sophia Jürgens
Foto: Viktória Ványi
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 056 1
www.lenos.ch
»Die Freiheit von der Honung
ist die vollkommene Freiheit.«
Unica Zürn
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Ich sitze im Bermuda und der Stuhl vor mir ist leer.
Mein Portemonnaie liegt auf dem Tisch, neben dem
halbvollen Weinglas. Ich öne es und ziehe das Passbild
aus einem der kleinen Einsteckfächer hervor, das erste
Mal seit langer Zeit.
Das Foto zeigt meinen Vater. Es ist abgegrabbelt, die
zerknickten Ecken fransen aus. Ich presse die Papier-
fasern zwischen meinen Fingerkuppen zusammen, bis
ich ihren Kontakt an meiner Haut spüre.
Ich stelle mir vor, wie mein Vater im Fotoautomaten sitzt.
Der Blitz der Kamera klappt seine Augen auf. Er schaut in
die Linse, als suche er darin eine Bestätigung. Sein Blick
ist Sehnsucht. Er hat sich gestern frisch rasiert, er wusste, er
würde dieses Foto machen müssen, er braucht einen neuen
Ausweis. Die Gültigkeit seines alten Passes lief einen Tag
nach dem Tod seiner Frau ab. Es war ein Ultimatum.
Mein Vater muss sein altes Leben ablegen.
Er trägt ein Hemd, der Kragen sitzt schief. Er dreht
seine rechte Wange Richtung Kamera, der Knochen gut
eingepolstert unter dem Fleisch, darüber bleiche Haut.
Er zieht die Mundwinkel zu dem Ansatz eines Lächelns,
aber keiner glaubt ihm. Ich taste mit meinem Blick die
Sommersprossen ab, es ist sinnlos, sie zu zählen. Sein
Haar ist voll, es sieht gepegt aus.
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Ich stelle mir vor, wie sich mein Vater übers Waschbecken
beugt und den Kopf unter den Wasserhahn hält, eine
Stunde bevor er den Fotoautomaten aufsucht, um dieses
Bild zu machen. Er dreht den Hahn erst auf, als er mit
dem Kopf bereits darunter hängt. Das Wasser ist zunächst
kalt, aber es stört ihn nicht, er weiß, dass es warm wird. Als
es fast zu heiß ist, greift er mit der Hand an den Rand des
Beckens, sucht die Seife, sie glitscht ihm ab, fällt zu Boden,
schlittert übers Parkett. Er schüttelt die Haare, nimmt das
Handtuch, drückt es sich auf die Augen, verhindert so, dass
sich die Tränen mit dem Hahnenwasser vermischen.
Das beweist seine Treue, denke ich. In diesem Bild
steckt alles, was er ist, mein Vater. Und doch weiß ich
nichts über ihn.
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Ich habe mich wieder im Bermuda verabredet. Ich ziehe
das grüne Kleid an und bleibe vor den erleuchteten
Fenstern stehen, um ihn von draußen ein wenig beob-
achten zu können. Er sitzt an einem der vorderen Bar-
tische und ich erkenne ihn sofort an den blondgelock-
ten Haaren. Er trägt ein nachtblaues Hemd. Auch darin
sieht er gut aus, fast besser sogar als auf seinem Prol-
bild. Ich atme tief ein und sehe ihm dabei zu, wie er auf
dem Bildschirm seines Smartphones herumwischt. Ich
überlege, ob ich Lippenstift auftragen soll oder lieber
nicht. Das Gold der Kerzenständer, an denen das Wachs
in dicken Bahnen herunterläuft und bis aufs abgenutzte
Holz der kleinen, runden Tischplatten tropft, glänzt im
Laternenlicht, das durch die Glasfront hineinfällt. Ich
öne die Tür zum Bermuda. Die kleinen Flammen auf
den Tischen zittern vom hereinströmenden Luftzug
und spiegeln sich in den Augen der Menschen.
Ich höre die Stadt, wie sie zwischen ihren Gesichtern
hin und her rauscht, wie sie jedes von ihnen fest um-
schlungen hat, mit ihrem hektischen Atem, der nie ge-
nug bekommen kann. Dieses endlose Suchen nach dem
einen Moment, in dem endlich alles still wird, wenn du
endlich ankommen kannst, beim anderen, der dich an-
sieht und der weiß, wer du bist. Nach diesem Jemand,
der sie erlöst, der sie an die Hand nimmt und der ihnen
erklärt, wie man diese Stadt austricksen muss, nach dem
suchen sie alle.
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Ich stelle mir ein Fenster vor, das quietscht in den Angeln.
Die Fensterügel werden vom Wind leicht bewegt. Viel-
leicht gibt es einen Vorhang. Vielleicht ist er weiß. Ich stelle
mir vor, wie die Frau dasteht und in den Abendhimmel
schaut. Wie sie dann auf die Fensterbank klettert und hin-
absieht. Sie friert, über ihrem nackten Körper trägt sie bloß
ein dünnes Nachthemd.
Die Frau im Nachthemd, die auf dem Fenstersims steht
und nach draußen in den dunklen Himmel schaut, denkt
nicht an die Tochter und an den Vater, die nebenan in
der Küche Nudeln mit Tomatensoße kochen. Sie denkt an
nichts und springt.
»Pah«, ich schlage mit der achen Hand auf den Tisch.
»Und dann hat es einen lauten Knall gegeben, ihr Kör-
per schlug auf dem Gehweg auf. Der Vater rannte mit
dem Kind die Treppen hinunter.« Und dann sage ich
noch, dass ich mir vorstelle, wie Tomatensoße aus dem
Mund des Mädchens herausschwappte, wie sich das Rot
auf die Pastersteine und in die Ritzen zwischen ihnen
goss und wie sich dann eine rote Pfütze bildete, in der
die Mutter lag.
Er starrt mich an, fassungslos. »Sie hat sich umge-
bracht.« Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Frage ist.
Das Kerzenwachs ist verwischt und der Rotwein über
die Gläser geschwappt. Die Lichtreexion des Weingla-
ses mit dem Rest roter Flüssigkeit zittert auf der Tisch-
äche unruhig hin und her. Ich empnde Genugtuung
bei dem Satz. Ja, das hätte ich mir gewünscht, dass das
mal jemand so klar und deutlich gesagt hätte.
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Ich sage: »Ich wollte immer am Tisch aufstehen und
ihnen ins Gesicht brüllen, dass nicht alles gut ist. Dass
überhaupt gar nichts gut ist. Dass sie doch endlich sa-
gen sollen, was passiert ist. Was verdammt noch mal
wirklich passiert ist. Nichts war gut, aber alle haben so
getan.«
Er schluckt, wippt auf seinem Stuhl ein paarmal hin
und her, dann steht er auf. »Ich geh mal eine rauchen.«
Als ich fünf Minuten später ebenfalls auf die Straße
trete, um mich für meinen Auftritt zu entschuldigen,
ist er verschwunden. Das war’s dann wohl, denke ich
und da ist sie wieder, diese Mischung aus Enttäuschung
und Erleichterung, die sich in mir ausbreitet wie eine
klebrige Flüssigkeit aus einem umgeschütteten Glas. Ich
rae meine Haare im Nacken zusammen und binde sie
hoch. Den habe ich nun auch vergrault.
Ich steige in die U-Bahn und fahre nachhause. Das
Quietschen der Schienen dröhnt in meinen Ohren, das
Flirren der Oberleitungen kitzelt unter meiner Schä-
deldecke. Die zerkratzten Scheiben verschieben die
Perspektive. Die hohen Bauten im Hintergrund werden
zu fremden Fragmenten. Der Waggon verlangsamt und
fährt in den Bahnhof ein. Grati zerfetzen in meinen
Augenwinkeln. Menschen stehen auf und sammeln sich
vor den Türen. Eine Untergrundbahn auf einer Brücke,
das ist schon seltsam, denke ich. Der Zug stoppt. Bei der
nächsten Station muss ich aussteigen. Ich schaue in die
Zwischenräume der Gesichter, die sich vor den Fenstern
aufreihen, und versuche, an ihren Blicken vorbeizunavi-
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gieren. Es ist die Stadt, denke ich, es ist die Stadt. Ich
kann nicht loslassen. Ihr Atem umklammert mich. Es
ist, als würde ich meinen Blick nach innen drehen und
als würde dann eine Nebelmaschine angehen. Da ist ein
Geruch von Heimat, erhitzte Gleise, feiner Metallabrieb
und weiches Stromkabel-Gummi. Die Luft im Waggon,
etwas Vertrautes. Und doch will ich nicht hier sein. Das
Gelb der U-Bahn sinkt in mich ein wie Watte, umge-
kehrt wäre schöner.
Am Späti an der Ecke kaufe ich ein Eis am Stiel, das
nach viel Schokolade aussieht. Denn noch ist Spätherbst
und man braucht keine Handschuhe, selbst wenn man
die Finger aus der Manteltasche nimmt. In der Mitte
hat das Eis einen länglichen Schokoladenkern, der wie
ein verlängerter Stiel aussieht. Die Frau neben mir am
Kiosk-Stehtisch sagt, dass ich versuchen solle, das In-
nere freizulegen, ohne dass es zerbricht. Ich denke lange
über diesen Satz nach. Ein Mann mit müden Augen
beobachtet mich. Er denkt auch nach, vielleicht übers
Davonlaufen, darüber, dass es ihm eigentlich ganz gut
gefalle. Ich frage ihn, ob er unsere Stadt möge. »Eigent-
lich nicht«, sagt er.
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Mein Vater lernt meine Mutter über eine analoge Dating-
Plattform kennen. Er stellt eine Annonce in die Zeitung.
Darin schreibt er, er habe eine Tochter und suche eine neue
Frau. Sie verabreden sich in einem italienischen Restau-
rant. Ich stelle mir vor, wie mein Vater in schicker Kleidung
hinter einer brennenden Kerze sitzt und auf meine Mutter
wartet. Er sitzt an einem der kleinen, runden Holztische
am Ende des großen Raumes und schaut über die leeren
Tische durch die Glasfront auf die Straße. Autos rauschen
vorbei. Ich stelle mir vor, dass es regnet. Obwohl Spätsom-
mer ist und die Stadt zu dieser Jahreszeit wesentlich erträg-
licher, liegt die Luft schwer auf den Köpfen der Menschen.
Ein drückender Atem, der einem den Schädel zuquetscht.
Der Blick meines Vaters verliert sich beim Hinausschauen
durch die Fensterfront in den an- und abschwellenden
roten und gelben Lichtecken der Autoscheinwerfer, alles
vor ihm verschwimmt. Er presst die Füße auf den roten
Teppichboden des Restaurants und bereitet innerlich noch
einmal die Sätze vor, die er sich bereits zurechtgelegt hat.
Erst als meine Mutter den Raum betritt, schaut er auf. Sie
trägt ein farbiges Blumenkleid, darüber eine dunkelblaue
Regenjacke. Sie lacht, als sie den Kellner auf Italienisch be-
grüßt. Dabei fallen ihr die gelockten Haare in den Nacken.
Sie scheint öfter hier zu sein, es wirkt so, als würde sie sich
auskennen. Dann entdeckt sie meinen Vater und geht auf
den Tisch zu, an dem er sitzt. Mein Vater steht auf.
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Das nächste Date habe ich zwei Abende später. Leo und
ich haben uns nicht im Chat, sondern in der Stadt ken-
nengelernt, an einem einsamen Montagabend, als wir
im Kino den Saal mitten in einer Spätvorstellung zeit-
gleich verließen, weil wir mit dem Film beide nichts an-
fangen konnten. Danach sind wir ins Bermuda gegan-
gen. Dort habe ich mich in ihn verliebt, noch am selben
Abend. Er hat Zeit gebraucht, eigentlich bis heute. Wir
haben uns mühsam voneinander entwöhnt, ich bin mir
sicher, auch er widerwillig, dann vermisst, er weniger
süchtig als ich. Das ist jetzt drei Monate her. Ich konnte
ihn einfach nicht aufgeben. Nach seinem
Wie geht’s?
verabreden wir uns im Bermuda.
Die Frau geht zum Fenster und springt. Sofort. Ohne ein
Zögern. Sie steigt mit einem großen Schritt aufs Fenster-
brett, zieht sich dabei mit der Hand am Gri des geö-
neten Fensters hoch, stößt sich mit dem nächsten Atemzug
ab. Ihre Fersen schweben für einen kurzen Augenblick über
dem Fenstersims. Dann stürzt sie in die Tiefe. Nach ihrem
Sprung fallen die Fensterügel hinter ihr wieder in den
Rahmen. Die Vorhänge hatte sie nur notdürftig beiseite-
geschoben, der weiße Sto hängt schräg vor dem Fenster,
vom Wind zurückgeweht, und gibt eine schmale Stelle Glas
frei. Ein Spalt weißes Licht fällt durch bis ins Zimmer,
am Boden ein heller Streifen. Ich sitze auf ihrem Bett. Ich
könnte ewig so dasitzen und diesen weißen Streifen Licht
anstarren. Geräusche dringen von draußen ins Zimmer,
ich ignoriere sie. Das verzweifelte Schreien, die Sirenen, ich
wische sie mit einer Handbewegung weg, wie die Flusen
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von der Bettdecke. Der Vater ist mit der Tochter unten auf
dem Bürgersteig. In mir drin geht ein Karussell los und mir
wird schwindelig.
»Ich habe versucht, das Bild aus meinem Kopf zu be-
kommen, jahrelang. Keine Chance, sitzt zu tief.« Ich
schnippe einen Wachskrümel über den Tisch, sehe ihm
nicht nach und nehme den Verlauf seiner Flugbahn nur
noch in den Augenwinkeln wahr. Meine Finger fahren
über die raue, abgenutzte Tischoberäche, dann schiebt
sich meine Hand zurück Richtung Wachseck. Der
Fleck ist dick und alt, sowohl in den unteren als auch
in den oberen Schichten lässt sich keine Wärme mehr
aufspüren. Die Kerze vor uns auf dem Tisch ist neu, die
ekenfrau hat sie soeben erst mit den Worten »An-
zünden könnt ihr selber« in den Flaschenhals gedrückt.
Leo gri daraufhin in seine Jackentasche und zog eine
Schachtel mit Streichhölzern hervor. Er sah dabei völlig
ernst aus. Erst als er mir die Schachtel auf der oenen
Handäche entgegenstreckte, konnte ich ihm ein Grin-
sen entlocken. »Seit wann hast du denn Streichhölzer
dabei?«, fragte ich ihn und er ließ die Schachtel wie-
der in der geschlossenen Hand verschwinden, führte
eine geheimnisvolle Drehbewegung vor. Er habe wieder
mit dem Rauchen angefangen und ich musste ihm ver-
sprechen, dass es mich nicht stören würde. Erst als ich
lachte, rückte er die Schachtel wieder raus, ratschte das
Holz am Zündstreifen entlang, bis es zischte. In dem
Moment, als das Feuer den Docht anfraß, wünschte ich
mir, er hätte einen bedeutungsvolleren Blick dabei auf-
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gesetzt. Aber er schaute einfach nur ins aufammende
Licht, mit ernsten Augen. Die Nachdenklichkeit, die
ihn dabei umhüllt hatte, ich spürte, ich würde ihn ver-
lieren.
Ich pule wieder an dem knubbeligen Wachshügel
vor mir auf der Tischplatte. Das Weiß klebt mir unter
den Nägeln, ich ekele mich. »Was denkst du?«, frage ich
leise.
»Hm«, er blickt kurz auf, es ist mehr ein Liderauf-
schlag. Seine Pupille sitzt inmitten eines braunen Wel-
penfells, das weich und platt gedrückt daliegt. Dann
fällt sein Blick wieder nach unten. Der Welpe windet
sich. »Ich weiß nicht, ob ich das mit uns noch mal
kann.«
»Was genau?« Ich ertappe mich dabei, dass meine
Stimme gereizt klingt. Die Flamme vor uns zittert und
ich habe Angst, dass sie ausgeht, wenn wir nicht auf-
passen.
»Sollen wir zahlen?« Leo schlüpft in seine Jacke.
Später liegen wir im Dunkeln auf seiner Matratze,
die Körper schwer. Ich liege an ihn gepresst auf der
Seite, meine Hand irgendwo unter seinem Po. Ich traue
mich kaum, zu atmen oder meine Beine zu bewegen,
um ihn nicht aufzuwecken. Ich bekomme Angst, dass
ich vergessen haben könnte, wie sich seine Hand an-
fühlt auf meiner Haut, oder nein, dass ich es vergessen
könnte, wenn ich sie nicht noch oft genug auf mir spü-
ren würde, oft genug noch, bevor das nicht mehr gehen
würde. Denn alles geht irgendwann nicht mehr.
Roman

E-Book
ISBN 978-3-03925-737-9
Seiten ca. 175
Erschienen 11. September 2026
€ 17.99

Im Moment haften bleibt das Prinzip Hoffnung. Was wie nebenbei und beinahe absichtslos erscheinen mag, ist mit enormer sprachlicher Präzision, Kunstfertigkeit und Originalität gearbeitet.
— Tanja Steinlechner

Luna steckt in einer Sinnkrise. Sie ist süchtig nach dem Leben, und doch gibt es da diese Todessehnsucht in ihr. Verloren in der winterlichen Grossstadt zwischen Literaturstudium und langen Abenden in der Bar Bermuda, flüchtet sie sich in ihre Fantasiewelt. Immer häufiger wird sie von quälenden Gedanken und Visionen verfolgt. Das beharrliche Schweigen ihres Vaters über den Suizid seiner ersten Frau lässt sich nicht verdrängen. Luna spürt unerträgliche Schuldgefühle und eine wachsende, unbestimmte Wut. Langsam verwischen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.
Die verzweifelten Versuche, in ihrer unglücklichen Liebe zu Leo, ihrem geduldigen bisherigen Lover, Halt zu finden, scheitern. Mit ausgewählten, wechselnden Datingpartnern testet Luna die Reaktionen, die sie auf ihre provokativen Fragen bekommt. Bis sie den faszinierenden »Psychomann« kennenlernt. Er schleust sie als Probandin in ein Virtual-Reality-Experiment ein, das ihr Leben auf den Kopf stellt.

Überzeugend, spannend, auch mit der nötigen Ironie erzählt Valeska Marina Stach vom Prozess der Selbstermächtigung einer jungen Frau in einer Welt, in der das familiäre Schweigen über traumatische Geschehnisse alltäglich ist.


Pressestimmen

Es ist intensiv und zwischendurch auch heiter, was wir mit Luna in ihrem irrlichternden Schwebezustand zwischen Selbstzerstörung und Lebenstrieb durchmachen. (…) Stachs Roman ist ein sprachlich faszinierender Text, der das schwierige Thema entlang einer literarischen Tradition auf ganz eigene Art bearbeitet.
— Anna Wegelin, bz – Zeitung für die Region Basel
Valeska Marina Stachs erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die verloren durch eine winterliche Grossstadt zieht und den Halt zu verlieren droht.
— Sina Aebischer, PROZ

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