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Lenos Verlag
Iman Humaidan
Andere Leben
Roman aus dem Libanon
Aus dem Arabischen übersetzt
und mit einem Nachwort versehen
von Regina Karachouli
Die Übersetzerin
Regina Karachouli, geboren 1941 in Zwickau. Studium der Arabistik
und der Kulturwissenschaften in Leipzig. Promotion über Dramatik und
Theater in Syrien. Von 1975 bis 2002 Lehr- und Forschungstätigkeit am
Orientalischen Institut der Universität Leipzig. Übersetzerin zahlreicher
literarischer Werke aus dem Arabischen (u.a. von Sahar Khalifa, Alia
Mamduch, Hanna Mina, Sabri Mussa, Alifa Rifaat, Tajjib Salich, Habib
Selmi und Nihad Siris).
Die Übersetzung aus dem Arabischen wurde aus Mitteln der Schweizer
Kulturstiftung Pro Helvetia unterstützt durch litprom Gesellschaft
zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.
Titel der arabischen Originalausgabe:
H
.
ayawât uh
-
Copyright © 2010 by Iman Humaidan
Erste Auflage 2013
Copyright © der deutschen Übersetzung
2013 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Keystone
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 423 9
Für Inaâm und Majj,
die auch in ihrer Abwesenheit
stets anwesend sind
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»When will you be back home?«, fragte er mich, unter-
wegs zum Flughafen Mombasa.
Ich hatte nichts gesagt, weder dass ich weggehen noch
dass ich zurückkehren würde. Sagte nur, ich hätte Heim-
weh nach dem Libanon. Ich weiss, es ist keine Sehnsucht
nach einem bestimmten Ort, sondern nach etwas, das ich
in meinem Innersten verliere, Tag r Tag, das sich verliert
durch Abwesendsein, etwas, das ich mir selbst erschaffen
habe aus lange in meinem Kopf bewahrten Bildern. Nun
ist anscheinend nichts mehr davon übrig. Mehr als fünfzehn
Jahre sind vergangen seit meiner Ausreise. Mir ist klar, dass
ich das Verlorene durch eine ckkehr nach Beirut nicht
wiedergewinne, dass ich vielmehr meinen Verlust bestätigen
werde. Ich werde bestätigen, dass alles, wonach ich mich
gesehnt habe, in meinem Kopf existierte, nur in meinem
Kopf, und dass ich es niemals erreichen kann.
Ich habe Chris hinter mir gelassen. Auch seinen Brief
liess ich auf dem Nachttisch neben meinem Bett liegen, un-
geöffnet. Ich weiss ja, was er enthält: Geld, das ich nicht
verlangt hatte, und die Frage, wann ich wiederkomme. Seit
unserer Heirat hinterlegt er mir die Scheine immer in ei-
nem Couvert. Kein einziges Mal haben sich unsere Hände
berührt, wenn er mir Geld gab.
Am Vortag meiner Reise von Kenia in den Libanon war
Chris im Labor beschäftigt gewesen, als ich ihn anrief. Seine
Assistentin nahm ab. Er werde gleich zurückrufen, meinte
sie und legte auf. Chris erkundigte sich gar nicht erst, was
ich gewollt hatte, zu begeistert war er von dem, was er be-
richten musste. Mit bebender, beinah schluchzender Stimme
erzählte er mir, welch sensationelle Resultate er bei seinen
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vor Jahresfrist begonnenen Experimenten erzielt habe! Na-
türlich, er war glücklich über seine Testergebnisse. Seine Eu-
phorie konnte mich freilich weder von meinem Entschluss
noch von dem fiebrigen Verlangen abbringen, schon mal die
Koffer zu packen, sie abzuschliessen und an die Tür zu stel-
len. Ich klappte einen leeren Koffer auf, wahllos warf ich ein
paar Kleider und andere Dinge hinein. Öffnete die sten
in meinem Schrank, suchte Unterwäsche zusammen, Baum-
woll-T-Shirts, Jeans. Stapelte alles aufs Bett. Dann fand ich,
dass es viel zu viele Sachen waren und dass ich mir endlich
angewöhnen sollte, meinen Reiseballast zu reduzieren.
Morgen früh um acht startet der Flieger, sagte ich mir,
also muss ich um sechs am Flughafen sein, das heisst Auf-
wachen um vier Uhr, jetzt ist bereits Mitternacht vorbei,
und ich schlafe immer noch nicht. Zuerst geht es von Mom-
basa nach Nairobi. Keine Ahnung, wie lange ich dort im
Airport warten muss, bis mich die Maschine nach Dubai
und von da in den Libanon befördert. Chris wird mich auf
meiner Reise bis nach Nairobi begleiten, dann kehrt er
wieder nach Mombasa zurück, zu unserem Haus, zu seiner
Arbeit. Nichts hier werde ich vermissen. So sagte ich mir,
während ich durch die Räume des Hauses schlenderte, in
dem ich seit elf Jahren wohnte. Ich hatte es nur verlassen,
wenn ich jedes Jahr zu einer Stippvisite nach Adelaide auf-
brach, wo meine Eltern leben der verdrehte Salâma und die
schweigsame Nadia. Oder wenn ich zu einem Kurz urlaub
nach Südafrika verreiste. Hin und wieder flog ich auch mal
am Wochenende von Mombasa nach Nairobi, um einige Sa-
chen abzuholen, die mir Olga aus Beirut geschickt hatte.
Weder meine Englischstunden an den Alphabetisierungs-
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schulen der UNICEF in Mombasa noch der Privatunterricht
in Arabisch waren genug, um meine Zeit auszufüllen, die
sich endlos dehnte wie Kenias weite Ebenen. Trotzdem habe
ich von diesem Land nichts kennengelernt ausser organisier-
ten Touristensafaris in die Berge und umliegende Savannen
oder in die Nationalparks für wilde Tiere.
Beirut … wie fern es jetzt ist. Wie viele Leben habe ich
gelebt, seit ich es verliess? So grübelte ich vor mich hin,
während ich den zweiten Koffer verschloss und dann hinter
mir herzog, um ihn in der Nähe der Eingangstür abzustel-
len. Habe ich mehrere Leben gelebt, oder war es ein einzi-
ges, das gereicht hätte für mehrere Frauen?
Fragen, auf die ich keine Antwort weiss. Nur eines ist si-
cher: Ich brauchte nicht viel Zeit, um zu begreifen, dass sich
mein Leben völlig verändert hatte, nachdem ich von Beirut
weggezogen war. Alles wurde anders, seit ich mit meiner
geschädigten Familie in Australien eintraf – sogar die Feri-
enzeiten und ihre Bezeichnungen. Die Weihnachtsfeiertage
verwandelten sich zum Sommerurlaub in Adelaide, der aus-
tralischen Stadt, in der ich vor meiner Heirat und dem Um-
zug nach Kenia vier Jahre wohnte. Ebenso verschob sich der
Zeitpunkt des Winterbeginns, der fiel jetzt in den Juli. An
all das musste ich mich anpassen. Auch an die Orte. Und
mich abfinden mit dem Verlust meines ersten Ortes, den ich
verlassen hatte und der sich selbst entfremdet war.
Für Adelaide entschieden wir uns nur deshalb, weil Onkel
Jûssuf dort wohnte. Er war bereits vor Ausbruch des Bürger-
krieges im Libanon emigriert. Als ein aktives Mitglied der
Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei war er am ge-
scheiterten Staatsstreich von 1961 beteiligt gewesen, und so
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floh er, bevor ihn die libanesische Armee verhaften konnte.
Zu seiner Flucht verhalf ihm ein Australier, den er in Tiro
beim Schiesstraining in der Nähe des Flughafens kennenge-
lernt hatte. Der Mann arrangierte für ihn die Ausreise nach
Zypern und von dort nach Australien. Ich war gerade mal
nf, als das alles passierte. Und doch glaube ich mich noch
darauf besinnen zu können, welche Angst meine Mama da-
mals ausgestanden hatte und wie sie sich um ihren einzi-
gen Bruder sorgte. Vielleicht war das schon der erste Schock
r sie gewesen, lange bevor mein Bruder Bahâ starb, denn
zunächst erhielt sie eine Falschmeldung von Jûssufs Verhaf-
tung und Exekution. Später erst erfuhr sie, dass er in Wirk-
lichkeit gerettet und ins Ausland entkommen war.
Wenn Nadia sich erinnert, bringt sie das Vergangene
stets in Zusammenhang mit grossen Ereignissen, die un-
ser Leben behrten. So sagt sie mir, ich sei 1956 geboren,
zur Zeit der Dreieraggression gegen Ägypten unter Abdel
Nasser, und zuvor habe sie schreckliche Angst gehabt, mich
zu verlieren, ich sei ja noch in ihrem Bauch gewesen, als
das grosse Erdbeben den Libanon erschütterte und im Ort
die vielen Häuser zerstörte, darunter auch ihr Elternhaus in
Hasbajja. Von meinem Bruder Bahâ sagt sie, er sei nach der
Libanonkrise von 1958 zur Welt gekommen, zu einer Zeit,
als mein Papa dieser Ereignisse wegen eingesperrt war. Und
zu Onkel Jûssuf merkt sie an, dass er wenige Tage nach
dem Umsturz von einundsechzig ausgereist sei. Nadia un-
terscheidet sich darin nicht von Nahîl, Vaters Mutter, die
bei unserem Stammbaum auch eher die allgemeinen Da-
ten als einzelne Namen erwähnt wie denn überhaupt ihr
Gedächtnis weit zurückreicht, auf historische Geschehnisse
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vor meiner Geburt und sogar vor der ihres Sohnes Salâma,
meines Papas geradeso, als besässe der Einzelne in mei-
ner Familie keine Geschichte, wenn nicht der Beginn seines
Lebens mit der grossen Historie verknüpft war. Lange habe
ich geglaubt, unser Schicksal sei untrennbar verbunden mit
diesen Annalen, ja unser Leben wäre auf eine rätselhafte und
schwer zu entschlüsselnde Weise durch sie vorgezeichnet.
Ich weiss nicht, ob ich die Episoden um Onkel Jûssuf
selbst gesehen und miterlebt habe oder ob mich die Ge-
schichten seiner Schwester Nadia, meiner Mama, dazu in-
spirierten, mir eine Erinnerung zu schaffen, die mit mir
zusammen gross wurde und mich nie mehr losgelassen hat.
Ich bilde mir sogar ein, mich auf jenen Tag besinnen zu
nnen, als es hiess, mein Onkel sei verhaftet worden. Aber
Grossmutter sagt mir, dazu wäre ich viel zu klein gewesen,
ausgeschlossen, dass ich mich daran erinnerte. Noch nicht
mal fünf war ich, sagt sie. Trotzdem – wenn ich an meinen
Onkel denke, sehe ich ihn vor mir, wie zornig er war am
Vorabend des fehlgeschlagenen Putsches und wie er die Re-
gierung samt dem Staat veruchte. »Unter denen stecken
doch ein paar ›Juden des Innern
*
!«, hat er geschrien.
Onkel Jûssuf landete also in Australien, und in Paradise,
einem kleinen Vorort von Adelaide, liess er sich nieder. Ein
faszinierender Name, schien mir, besonders als ich erfuhr,
dass sich in der Nähe der grösste Friedhof der Region be-
fand und noch dazu das erste Krematorium. Auch die nach
Australien eingewanderten Drusen hatten dort ihren ersten
* Nach einem Ausspruch von Antûn Saâda (1904–1949), dem Grün-Nach einem Ausspruch von Antûn Saâda (1904–1949), dem Grün-
der der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (1932), der politische
Gegner als »Juden des Innern« bezeichnete. (Anm. d. Ü.)

Iman Humaidan
Andere Leben

Roman aus dem Libanon

Aus dem Arabischen von Regina Karachouli


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-423-9
Seiten 188
Erschienen April 2013
€ 19.90 / Fr. 28.50

Das Bild einer traumatisierten Nachkriegsgeneration, ein Stück libanesischer Zeitgeschichte.

Myriam ist fast vierzig, als sie erstmals wieder ihre Heimat besucht. Fünfzehn Jahre sind vergangen, seit sie mit ihren drusischen Eltern vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Australien flüchtete. Der Anlass ihrer Reise nach Beirut ist der Verkauf des elterlichen Hauses, doch der eigentliche Grund ist Heimweh nach dem Land ihrer Jugend. Ihre Grossmutter und ihre schwerkranke Freundin Olga, mit der sie all die Jahre korrespondiert hat, leben noch immer hier. Auch ihre grosse Liebe Georges ist hier verschollen. Vieles hat sich in ihrer Abwesenheit verändert. In der Stadt herrscht eine fieberhaft-hektische Aufbruchstimmung, die die Kriegsgräuel vergessen machen will. Doch Myriam will sich erinnern ...

Iman Humaidan entwirft in ihrem Roman in dichter, sinnlicher Prosa das Bild einer traumatisierten Nachkriegsgeneration, ein Stück libanesischer Zeitgeschichte. Sie ergründet, was Menschen durch Emigration verlieren und bei ihrer Rückkehr wiederzuerlangen hoffen, aber auch die Alternativen des Daseins, die sich an jedem neuen Ort auftun: Andere Leben.

Pressestimmen

Ein Roman, der auf zweihundert Seiten die ganze Welt erzählt.
— Livres Hebdo
In ihrem Buch entwirft Humaidan auf leidenschaftliche Art und Weise das Bild einer traumatisierten Nachkriegsgeneration und schreibt damit ein Stück libanesischer Zeitgeschichte.
— zenith