Der literarische Solitär
Hommage zum 40. Geburtstag des Basler Lenos Verlags

von Peter Burri

(ProgrammZeitung, Juni 2010)



Wie jedem Jungautor, der hinter seinen Erstling gerade den Schlusspunkt gesetzt hat, konnte es mir nicht schnell genug gehen. Kurz vor Weihnachten 1979 brachte ich mein Manuskript gleich persönlich vorbei, was Verleger nicht sonderlich schätzen. Doch man kannte sich vage. Ich war Kulturredaktor bei der BaZ, und der Lenos Verlag hatte sich eben vom Kollektiv mit 400 Franken Startkapital zu einer AG und zu einem respektablen Haus für Schweizer Literatur gemausert. Neben Sachbüchern (z.B. zur Drogen- und Medienpolitik), den Schriften des Philosophen Hans Saner oder dem von Regula Renschler eingebrachten Bestseller Wer sagt denn, dass ich weine – Geschichten über Kinder in Afrika, Asien und Lateinamerika waren die Zugpferde damals Guido Bachmann und Heinrich Wiesner.
Was ich in Birsfelden antraf, war aber so etwas wie eine Stunde Null. Eine Explosion hatte den Verlag im November zerstört. Durch ein Leck in der Leitung unter der Friedensgasse hatte sich unbemerkt Gas im Haus Nr. 7 ausgebreitet. Die Mitverlegerin Heidi Sommerer war schwer verletzt, Infrastruktur und Buchlager waren futsch. Jetzt erst recht, befand das geprüfte Team. Beim Neubeginn an der Basler Wallstrasse war 1980 neben den Büchern von Manfred Gehrig und Alex Gfeller dann auch meines dabei – und Wiesners exzellente Chronik Schauplätze über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg in dritter Auflage.


Helvetische und arabische Literatur

Nun ging’s erst richtig los. In Zusammenarbeit mit dem Spezialisten Hartmut Fähndrich wurde Lenos ab 1983 zu einer ersten Adresse für Literatur aus dem arabischen Raum – mit jetzt über hundert Titeln. Ein weiteres Standbein legte sich der Verlag mit Schreibenden aus der Romandie zu: mit Nicolas Bouvier, Jacques Chessex, Ella Maillart, Alice Rivaz und Yvette Z’Graggen, aber auch mit dem Werk des Wahlfranzosen Blaise Cendrars.
Mit dem Umzug ins eigene Domizil am Spalentorweg wurde 1991 die Taschenbuchreihe »Lenos Pocket« kreiert. 1994 erhielt Lenos den (inzwischen wieder abgeschafften) Basler Literaturpreis. Gezielt lanciert der Verlag neue literarische Stimmen aus der Schweiz, so etwa Andrea Gerster, von der im Herbst der zweite Roman kommt. Er ist aber auch neue Heimat für bewährte, doch vergriffene Schweizer Autoren wie Walther Kauer, E. Y. Meyer oder Gerold Späth. Im Herbst erscheint Katharina Fabers Erfolgsroman Fremde Signale als Taschenbuch. Nach einem grafischen Relaunch präsentieren sich Hardcovers und Pockets heute in einem stilvoll gestalteten, erkennbaren Kleid.


Sinn für Geist und Geld

Und: Der Verlag floriert, 40 Jahre nach seiner Gründung, in einem Umfeld, wo das beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Das Erfolgsgeheimnis? Heidi Sommerer und Tom Forrer, die das von einer Viererbande im 68er-Geist initiierte Selbstausbeutungs-Unternehmen laufend professionalisierten, waren nicht einfach Schöngeister oder politische Idealisten, sondern hatten sich ihre Sporen in der Verlagsbranche abverdient. Sie setzten auf eigene Produktionsmittel und stellten die Druckvorlagen schon früh selbst her.
Bis auf den heutigen Tag steht Lenos wirtschaftlich unabhängig auf eigenen Beinen. Interessante Bücher, die sich schlecht rechnen, und waghalsige Engagements wie etwa die Cendrars-Edition werden mit Erfolgstiteln querfinanziert, z.B. mit der palästinensischen Autorin Sumaya Farhat-Naser (Thymian und Steine, 8. Auflage) oder dem weltweit renommierten Ägypter Alaa al-Aswani (Der Jakubijân-Bau), aber auch mit dem nach wie vor begehrten Werk von Annemarie Schwarzenbach.


Engagierte Sachbücher

Am Spalentorweg, wo Tom Forrer und Christoph Blum heute das Geschehen prägen, werden die Bücher in einer reichhaltigen Backlist möglichst lange verfügbar gehalten. Dauerseller, die immer wieder ein neues Publikum finden, sind so auch der Libyer Ibrahim al-Koni (Die Magier) oder der Sudanese Tajjib Salich (Zeit der Nordwanderung). In fünfter Auflage gefragt ist die aus Kamerun stammende Axelle Kabou mit ihrem kritischen Buch zur Entwicklungspolitik (Weder arm noch ohnmächtig). Mit der Biologin Florianne Koechlin hat Lenos eine weitere erfolgreiche, ebenso engagierte wie lustvoll schreibende Sachbuch-Autorin an Land gezogen. Für die »schöne« Literatur aus nah und fern ist das Haus am Spalentorweg in der einst bedeutenden Verleger- und Druckerstadt Basel heute ein Solitär.
Einen Querschnitt durch das Programm zeigt der Jubiläumsband mit literarischen Streifzügen durch vierzig Städte: von Alexandria über Moskau und New York bis Zürich: Die ganze Welt, noch immer da.